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Angst vor der Rede

Rede

Wer schon einmal auf der großen Bühne stand, der kennt das Gefühl. Kurz bevor es losgeht. Adrenalin, das durch unsere Adern fließt. Der Mund, der etwas trockener geworden ist. Das gleißende Licht in den Augen. Gedanken, die rasen. Alternativ: die gähnende Leere im Kopf. Das mulmige Gefühl, gleich nicht mehr weiter zu wissen. Dieses Gefühl. Jedes Mal, wenn wir auf der großen Bühne stehen. Aber diese Gefühle überkommen uns nicht nur auf der ganz großen Bühne.

Die ganze Welt ist eine Bühne.

Die Bühne, das ist der große Konferenzraum im Headquarter. Das ist das Praxisforum in Halle 2 auf der Leitmesse. Das ist der Hörsaal, in dem wir die Mitarbeiter von morgen rekrutieren. Das ist der Arbeitsplatz, von dem aus wir gleich die Produktschulung per Web halten. Die Bühne ist der Tisch, an dem wir in 5 Minuten den alles entscheidenden 0 geben werden. Wo genau uns die Angst vor der Rede packt, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Mal sind es die ungewohnt großen Settings mit Hunderten von Zuhörern. Mal ist es die alles entscheidende Präsentation vor dem Management. Mal ist es ein außergewöhnliches Veranstaltungsformat, wie z. B. die TEDx.

Tatsache ist: Die wenigsten Präsentatoren, selbst erfahrene, sind vor Lampenfieber und Versagensangst gefeit.

Die neue Verletzlichkeit

Das mag daran liegen, dass das Präsentieren vor Menschen eben nicht nur Kopfnicken und Standing Ovations ist.

Als Sprecher machen wir uns verletzlich.

Heute mehr denn je. Heute präsentieren wir eben nicht mehr nur für den einen Moment im geschlossenen Raum. Oft läuft die Kamera mit. Unser Auftritt entscheidet heute vielleicht, wie Youtube und Konsorten uns im Gedächtnis behalten. Als „Best Speaker Ever“ oder „Epic Fail“. Sie haben die Wahl. Wir und unsere Präsentation werden beäugelt, bewertet, analysiert. Mal instant über Twitterwalls gewürdigt. Mal von gesichtslosen Trollen zerrissen. Man denke nur an Singular CEO Stan Sigman, dessen vorgelesener Vortrag nach dem charismatischen Auftritt von Steve Jobs bei der Macworld auf Präsentationsblogs kritisiert wurde. Oder erinnern wir uns an den Filmemacher Michael Bay, der nach einem Blackout plötzlich die Bühne auf einer großen Veranstaltung von Samsung verließ. Seine Abgangsszene findet sich kurze Zeit später als GIF im Internet wieder.

Neuerdings werden Top-CEOs an ihren Präsentationsstilen gemessen. Ihre Reden werden pressewirksam durch Textanalysesoftware gejagt, Satzlängen gemessen, „Wortungetüme“ ans Licht gebracht, ja anhand ihrer Verständlichkeit gerankt. Bei all dem, was auf dem Spiel steht, bei konstanter Exposition und rasanten Verbreitungsmöglichkeiten in sozialen Netzwerken, kann es einem wirklich Angst und Bange werden.

Poster

Also lieber schweigen?

Nicht reden ist aber auch keine Alternative. Denn jeder von uns hat etwas Wichtiges zu sagen. Und so angsteinflößend die Bühne auch sein mag, wissen wir insgeheim genau: An ihr führt kein Weg vorbei, wenn wir gehört werden möchten. Also, was tun, wenn uns die Angst vor dem Reden ereilt?

Aus der Erfahrung mit vielen Präsentatoren heraus, kann ich nur bekräftigen:

Hören Sie ihrer Angst erst einmal zu. Was möchte sie Ihnen sagen?

Beobachten Sie sich – ganz ohne Wertung. Welche Gedanken gehen mir durch den Kopf?

Werden da gerade Glaubenssätze über die eigenen Kompetenzen aktiv?

Wie schätze ich die Tragweite meines Vortrags ein?

Mit welcher Erwartungshaltung gehe ich in die Präsentation hinein, die meinen Auftritt vielleicht sogar erschwert?

Fragen Sie sich auch: In welchen Situationen und vor welchen Publiken bin ich besonders aufgeregt?

Sind es bestimmte Persönlichkeiten, Charaktere, die mir vermeintlich Probleme bereiten?

Wem muss oder will ich eigentlich was beweisen? Wer bin ich als Sprecherpersönlichkeit?

Fühle ich mich vielleicht gerade deshalb unwohl, weil ich als introvertierter Sprecher ein Auditorium voller extrovertierter Menschen unterhalten muss?

Diese Reflexion hilft uns, Verhaltensmuster festzustellen, uns selbst besser zu verstehen und uns auf unterschiedlichste Situationen einzustellen.

Tipps und Tricks

Nur wissen reicht aber freilich nicht. Wir müssen auch anwenden und nicht nur etwas wollen, sondern auch tun. Das sagte bekanntlich schon der gute alte Goethe. Daher teile ich mit Ihnen drei Ansätze, wie man seine Redeangst abbaut.

#01

Zunächst ist da dieser enorme Fokus auf sich selbst in einer Redesituation, die einem Angst bereitet. Ich spreche von diesen Schreckensszenarien vom eigenen Scheitern, die in einer Endlosschleife ablaufen, vom Hinterfragen des eigenen Themas. Sie wissen schon. Wie wäre es aber, wenn Sie zur Abwechslung den Fokus von der eigenen Person nehmen und sich stärker dem Thema und vor allem dem Publikum zuwenden? Führen Sie sich vor Augen, dass es in der Präsentation nicht um Sie geht, sondern um den Nutzen für das Publikum. Konzentrieren Sie sich auf die Idee, die es wert ist, geteilt zu werden. Was ist das Besondere und das Großartige daran? Wenn Ihr Fokus darauf liegt, durch Ihre Präsentation Gutes zu stiften oder einen Wandel zu bewirken, dann beschäftigen Sie sich viel weniger mit der Bewertung der eigenen vermeintlichen Unzulänglichkeit. Versprochen.

#02

Apropos Unzulänglichkeit, die Introversion eines Sprechertyps gehört übrigens nicht dazu. Auch wenn gemeinhin extrovertierte Menschen als die besseren Präsentatoren gelten. Es muss nicht immer die Rampensau sein. Das gilt für Männer wie Frauen. Susan Cain, Autorin von „The Power of Introverts in a World That Can’t Stop Talking“, zeigt in ihrem populären TED Talk und ihrer ruhigen Art, dass wir nicht wie Steve Balmer auf die Bühne springen müssen, um zu überzeugen. Eher introvertierte Sprecherpersönlichkeiten, wie der Journalist und Author Malcom Gladwell oder Bill Gates, zeigen eindrucksvoll auf der Innovationskonferenz TED, wie kraftvoll sie ihre Botschaft transportieren. Introvertierte Sprecher gewinnen Sicherheit durch eine gewissenhafte Vorbereitung ihres Vortrags und einen sorgsamen Umgang mit ihrer Energie. Denn sie tendieren dazu, auf der Bühne Energie zu lassen, während extrovertierte Sprecher aus großen Menschenmengen eher Kraft schöpfen.

#03

Schließlich möchte ich Ihnen noch eins auf den Weg geben, so banal es auch klingt: Üben. Noch besser: Üben in einem sicheren Umfeld, in dem wir ohne Konsequenzen mit einer Rede scheitern dürfen. Ein solches Umfeld bieten weltweit aktive Rede-Netzwerke wie Toastmasters oder Agora Speakers International. Nach dem Motto „Every good speaker was a bad speaker first“ üben immer mehr Menschen mehrmals im Monat vor Publikum. Sie üben und lernen, sich wohl zu fühlen. Auf der Bühne. Mit dem Publikum. Sie lassen sich von anderen bewerten, aufnehmen, ja sogar ihre Füllworte zählen. Sie lernen, den Raum einzunehmen, das Publikum mit ihrer Stimmvielfalt und Bewegungen zu führen, ihre Ängste zu überwinden. Mit diesen Anstößen werden sich unsere nervösen Gefühle nicht sofort in Luft auflösen. Aber keine Sorge. Den Weg des Sprechers können Sie sich vorstellen wie ein schmaler Pfad, der immer breiter und ebener wird, je öfter Sie diesen betreten. Daher, nutzen Sie die Bühne. Nutzen Sie Ihre Chance.

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