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PowerPoint-Pinata.

pinata

PowerPoint als lustige Piñata verkleidet auf einem Kindergeburtstag.

Wer kennt sie nicht, die lustigen Freundschaftsbücher aus Grundschulzeiten. Jeder auf dem Pausenhof durfte eine Doppelseite mit bunten gelartigen Aufklebern, Glitzerstiften und ganz viel „HDGDL“ zukleistern. Hier konnte man gestalterisch mal so richtig die Sau rauslassen. An Richtlinien zum korrekten Umgang mit Schrift, Farben und Gestaltungsraster wurde selbstverständlich keinerlei wertvolle Zeit verschwendet. Bei 15 Minuten Pause nur zu gut nachvollziehbar.

Klar, so etwas wie ein Corporate Design war damals so fremdartig wie das erste Mal Bier an der Tankstelle kaufen. Was wir allerdings dort schon erreichen wollten war Aufmerksamkeit wecken.

Herausstechen muss es!

Etwas Einzigartiges schaffen, gar ein Stück unserer Identität in dieses kleine Buch reinpressen. Fast jedes Unternehmen hat inzwischen seine ganz eigenen Corporate Design Guidelines im Repertoire. So etwas wie der heilige Gral eines jeden Marketing-Menschen. Wenn diese Guidelines im Umfang dann doch mal einem Buch ähneln, ist es schon eine echte Hausnummer, sich darin zurechtzufinden. Alles schön dokumentiert, sodass auch jeder ungeschulte „Gestalter“ kein Problem damit haben sollte. Zwischen dem Einsatz von Logo, Schrift und Farben, dem richtigen Bildlook für Social Media, umfangreichen Anweisungen für das Anlegen von Printprodukten jeglicher Art wird auch das kleinste Namensschild nicht außer Acht gelassen. Schließlich muss sich der Markenauftritt über sämtliche Kanäle einheitlich präsentieren.

Schauen wir uns nun an, wie sich Unternehmen nach innen präsentieren, findet kaum noch „Marke“ statt. Das sieht man besonders gut am Medium Präsentation, das meist gänzlich vernachlässigt und damit auch kaum reguliert wird. Wenn überhaupt in den Corporate Design Guidelines erwähnt, wird das Thema auf ein oder zwei Seiten abgehandelt. Also ruft jeder Mitarbeiter seine gestalterischen Fähigkeiten aus Grundschulzeiten ab. Ganz gleich ob Kick-off-Meeting, Bereichspräsentation, Jour-fixe-Termin oder Status-Updates zwischen Tür und Angel: Die Präsentation hängt wie eine Piñata an der Wand und jeder haut mal drauf, was er so hat. Ein bisschen bunt, ein bisschen Animation und das Äußere lässt kaum noch auf den Inhalt schließen. Was vor zehn Jahren State-of-the-Art-PowerPoint war, genügt den meisten auch heute noch. Der Drang, etwas visuell Einzigartiges zu schaffen, scheint seit dem Schulhof kaum abgenommen zu haben.

Das mag intern noch ganz lustig sein. Doch auch Präsentationen finden ihren Weg an die Öffentlichkeit. Spätestens bei Veranstaltungen. Die eigenen Mitarbeiter werden zu Markenbotschaftern. Sie verkörpern und repräsentieren das Herz eines Unternehmens. Vor allem dann, wenn sie präsentieren. Und was auf dem kleinen Monitor des Meetingraumes oder als kleine Beamerprojektion schon zu Augenkrebs führt, wird auf einer hochauflösenden LED-Wand mit einer Breite von zehn Metern nicht besser – im Gegenteil.

OH NOO

Gerade dann, wenn wir immer häufiger von Purpose sprechen – also dem Zweck einer Marke. Wenn Produkte oder Dienstleistungen allein nicht mehr ausreichen. Wenn es darauf ankommt, Menschen sowohl intern als auch extern zu begeistern. Genau dann kommt man um eine Präsentation kaum herum.

Damit das Ganze auch richtig funktioniert, sollte man sich mehr Zeit für das Unterfangen Präsentation nehmen. Wenn wir uns trauen, dieses Neuland zu betreten, brauchen wir Zeit, um uns neu zu orientieren und Gewohntes zu hinterfragen. Es braucht Zeit, um sich vom Medium Print zu lösen. Der Blick auf die Entwicklung im Web ist hier ein schönes Beispiel. Vor wenigen Jahren noch Standard, findet man heute kaum noch mit Flash animierte Blätterkataloge. Die Distanz zum gelernten CMYK-Medium Print wird inzwischen mehr als deutlich.

Dieses Umdenken ist auch für unseren Kontext zwingend notwendig, denn Print ist nicht gleich Power-Point und umgekehrt. Nimmt man sich nun also eine große Halle mit Bühne, eine gewaltige Leinwand mit viel Licht und fettem Sound, stellt einen Sprecher auf die Bühne und befüllt das Ganze mit ein paar Tausend Menschen. Gibt man sich dann noch die Mühe und entwickelt ein durchdachtes und passendes Design, dann erhält man im Idealfall eine grandiose Präsentation und begeisterte Teilnehmer. Ob das nicht auch mit einer überdimensional mutierten Piñata funktionieren würde sei dahingestellt. Hat man allerdings die Absicht, etwas Wichtiges mit der Außenwelt zu teilen, macht es wahrscheinlich Sinn, die Piñata im Stall zu lassen.

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