Ein explain Artikel
Der Auftritt im rosa Tutu. Boby Carey.
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Das erste Mal begegnet bin ich Bob Carey im Zug, genau genommen in der Regionalbahn durch den Schwarzwald. Auf dem Bildschirm des Wagonmonitors flimmerte ein Spot der Telekom. Große Schauplätze, wie der Kölner Dom oder das Olympische Dorf in München. Und mitten drin ein halbbekleideter, vollschlanker Mann in einem rosa Tutu. Menschen um ihn herum starrten ihn halb entgeistert, halb belustigt an. „Was für ein seltsamer Mensch, der sich so hinstellt“, dachte ich nur. Seine Geschichte kannte ich damals noch nicht.
1,5 Jahre später sitze ich mit dem „Mann im rosa Tutu“ am Frühstückstisch des Marriott Hotels. Bob Carey und ich besprechen den Ablauf seines TEDx Talks beim TEDx München. Die letzten Änderungen stehen – auf einer Papierserviette. Bob ist ganz schön nervös und ich auch ein wenig. Schließlich sollte es in wenigen Stunden schon losgehen unter dem Motto „Hidden Treasures“.
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Bob Carey der Mann im rosa Tutu
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In den Wochen zuvor hatten wir viele Skypestunden damit verbracht, Bobs Geschichte herauszuarbeiten, die Dramaturgie zu verfeinern und seine Botschaft zu konkretisieren. Es ist ein vertrauensvolles Zusammenarbeiten. Und als ich Bob und seine Frau Linda zum ersten Mal persönlich beim obligatorischen Speaker Rehearsal am Vortag der TEDx begegne, fühlt es sich an, als würden wir uns schon länger kennen. Kurz darauf legt Bob los mit seiner berührenden Geschichte über „How I became the guy in the pink tutu“. Ich gebe ihm Feedback zu seiner Vortragsweise und erzähle ihm, was morgen auf der großen Bühne, dieses Mal im Circus Krone, auf ihn zukommt.
Als Fotograf war Bob schon immer vom Thema der Transformation fasziniert. In seinen Selbstporträts verwandelt er sich immer wieder, so sagt er, in jemanden oder etwas, „was er nicht ist“. Es ist seine Art, Schwierigkeiten, Trauer und Schmerz zu verarbeiten. Als bei seiner Frau Linda Brustkrebs diagnostiziert wird, verwandelt sich Bob Carey erneut. Inspiriert durch eine erste Fotoarbeit in einem Ballettstudio, schlüpft er in ein Tutu und bringt damit Linda zum Lachen. Aber nicht nur sie, sondern auch alle anderen Frauen in der Reha. Bob macht weiter, fotografiert sich in U-Bahnstationen, Freizeitparks, am Strand und auf menschenverlassenen Parkplätzen. Mit einer Mischung aus Verletzlichkeit und Verspieltheit werden seine Bilder zu Symbolen für Hoffnung und Freude am Leben. Seine Bilder haben die Macht, Menschen zu berühren, ohne dass sie die Geschichte dahinter kennen. Bob nennt sein Werk das „Ballerina Project“.
Seit dem Frühstück sind die Stunden nur so verflogen. 700 Paar Augen sind auf Bob Carey gerichtet, der jetzt in T-Shirt und Jeans die Bühne betritt. Er fühlt sich sichtlich unwohl, entschuldigt sich und lässt zum Erstaunen seines Publikums die Hüllen fallen. Er ist nun der Mann im rosa Tutu. Die Verwandlung als Schocker am Anfang hatten wir besprochen, die Wirkung ist genau wie geplant. Als Bob spricht, folgt das Publikum gebannt seinen Worten. Mein Designerkollege Ylber Azizaj hatte Bobs Folien großflächig in Szene gesetzt. Gewaltige Bilder verschmelzen mit seiner Geschichte, hatten wir doch die Reihenfolge der einzelnen Bilder so gewählt, um seinen Redefluss zu unterstützen.
Am Ende des Talks fragt Bob das Publikum:
„What’s your pink tutu?“
Der Satz kommt an und wird sofort getweetet. Ich freue mich, dass „unser“ Catchphrase so gut ankommt. Natürlich ist damit kein wortwörtliches Tutu gemeint. Aber etwas, das jedem von uns hilft, die Herausforderungen des Lebens zu meistern und niemals aufzugeben. Neben den wunderbaren Coachingstunden ist es dieses Geschenk, das ich von Bob mitnehme, dem Mann im rosa Tutu.