Ein explain Artikel
Science Slams. Wissensvermittlung.
Wissen für alle!
In den frühen 1970er-Jahren hatten Vint Cerf und Robert Kahn eine alles verändernde Idee: Sie entwickelten gemeinsam einen Satz Netzwerkprotokolle, die TCP-IP-Protokolle, und legten so den Grundstein für das Internet. Dank ihnen ist unsere Welt heute eine andere. Die Menschen sind wie noch nie zuvor miteinander verbunden: Unsere Kommunikation hat sich grundsätzlich verändert, wir hören anders Musik, schauen anders Filme – wir leben anders.
Und auch der Zugang zu Wissen hat sich verändert: Wissen ist so verfügbar wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. Während man sich vor nicht allzu langer Zeit glücklich schätzen musste, ein mehrbändiges Lexikon zu besitzen, in dem Informationen zusammengeklaubt werden konnten, so erklickt man sie sich heute behänd und ausführlich, bebildert und belegt, mit Querverweisen und in Sekundenschnelle – und von nahezu jedem erdenklichen Ort der Welt aus. Wir haben das gesammelte Wissen der Menschheit buchstäblich auf den Fingerspitzen liegen – und ebenso die aktuell stattfindende, weltweite Forschung. Viele Studien, Papers und Bücher sind frei abrufbar und Forschungszentren wie Universitäten bemühen sich, ihre Erkenntnisse zugänglich zu machen. Wissen ist kein Privileg mehr.
Wie kommt Wissen an?
Die bloße Verfügbarkeit von Informationen scheint aber nicht auszureichen. Wie sonst ließ sich die Haltung von Impfgegnern, Leugnern des menschengemachten Klimawandels oder – ja, sogar! – Menschen, die fest daran glauben, dass die Erde flach ist, erklären? Es gibt Fake News, geschichtsvergessene Trolle und Verschwörungstheoretiker. Das hat viele Gründe: Ein Teil der verfügbaren Informationen ist unvollständig oder falsch; Informationen müssen ausgewählt, kritisch betrachtet und kontextualisiert werden. Und wissenschaftliche Papers wiederum lesen nur wenige Laien in ihrer Freizeit – sie sind nicht ohne Voraussetzungen zu verstehen.
Deshalb reicht es eben nicht, Informationen einfach nur abrufbar zu machen. Wissen und aktuelle Forschung müssen vermittelt werden, um in der breiten Öffentlichkeit wirksam und relevant sein zu können. Die Fragen, wie das gelingen kann, waren der Anfang der Veranstaltungsreihe Science Notes. Seit 2013 erreicht das von der Klaus Tschira Stiftung geförderte Format bundesweit ein breites Publikum. Das Ziel: aktuelle Wissenschaft soll bei der breiten Öffentlichkeit ankommen. Das Mittel: die Präsentation.
Präsentationen vermitteln Wissen
Präsentationen sind ein besonders effektives Format, um über aktuelle Wissenschaft zu informieren und Erkenntnisse weiterzugeben. Forschung wird oft verständlicher, wenn die Forscherinnen und Forscher, die dahinterstehen, als Menschen greifbar werden. Was treibt sie an? Was sind ihre Motive und was ihre Ziele? Schon die alten Rhetoriker der Antike wussten, dass es zu einer gelungenen Rede gehört, mit dem Charakter zu überzeugen. Sie nanntes es: das Ethos. Überhaupt sind Präsentationen vielleicht eine moderne Variante der ursprünglichen Rede. Die Präsentation verbindet alles, was die antiken Rhetoriker über das öffentliche Sprechen wussten, mit den digitalen Möglichkeiten unserer Gegenwart. Präsentationen überzeugen durch die physische Präsenz der Redner, durch wortgewandte, verständliche Sprache und durch prägnante Visualität.
Doch nicht immer, wenn Wissenschaftler sprechen oder präsentieren, hören auch alle zu. Das liegt teilweise daran, dass Wissenschaftler bisweilen schnell in Fachsprache verfallen und die Inhalte für Nicht-Experten unverständlich werden. Auch die visuelle Aufbereitung von Folien und Grafiken fällt nicht jedem Wissenschaftler leicht.
Die Science Notes wollen aber ein Forum für aktuelle Forschung sein, bei dem Wissen bei allen Interessierten ankommen kann. An jedem Science-Notes-Themenabend präsentieren fünf WissenschaftlerInnen ihre aktuelle Forschung zu Themen wie künstlicher Intelligenz, Mobilitätskonzepte oder Ernährung. Wie kann Wissenschaft dafür verständlich werden?
Verständlich und anschaulich!
In den Sprach- und Kommunikationswissenschaften und gerade auch in der Rhetorik gibt es viel Wissen und auch praktische Tipps, wie man Präsentationen verständlich und anschaulich gestalten kann: zum Beispiel aktive Sprache, kurze Sätze, der Einsatz von Beispielen und Vergleichen sowie ein zuhörerorientierter Umgang mit Fachbegriffen. Wer sich gut vorbereitet und von einem Experten coachen lässt, kann seinen Erfolg erheblich steigern. Die Rhetorik kennt aber noch einen anderen wichtigen Faktor, um die Zuhörer zu erreichen: das Setting.
Die Bühne, der zeitliche Rahmen oder auch der Anlass beeinflussen den Erfolg einer Präsentation ganz grundlegend.
Das Setting verändert alles
Zwei Setting-Faktoren sind bei den Science Notes besonders: Ort und Zeit. Science Notes holen WissenschaftlerInnen aus den Universitäten und bringen sie dahin, wo Leute Spaß haben: in die Clubs. Aus dem Katheder wird eine Bühne und aus dem kalten Licht der Neonröhren in den Hörsälen das Glitzern der Diskolichter. Wie bei einer Party gibt es kalte Getränke und gute Musik, experimentelle Künstler an analogen Synthesizern oder digitalen Reactables sorgen für eine einzigartige Stimmung. „The atmosphere was electric and exciting.“, befand ein Sprecher nach einem Abend bei den Science Notes. Neben dem Ort ist auch die Zeit ein besonderer Faktor: Science Notes sind eine schnelle Veranstaltung. Es gibt viel zu sehen, viel zu hören – und die einzelnen Vorträge dauern maximal 15 Minuten.
Das Setting wirkt sich auf das Publikum wie auf die Redner aus.
Beim Publikum beeinflusst es die Bereitschaft, sich aktiv mit einer Sache auseinanderzusetzen. Zuhörern fällt es in lockerer Atmosphäre oft leichter, sich mit anspruchsvollen Inhalten zu befassen. Die Aussicht auf kurze, verständliche Vorträge macht Lust, sich auch auf herausfordernde oder unvertraute Themen einzulassen. Die lateinische Brevitas, das Versprechen auf Kürze, ist eine alte rhetorische Tugend, die immer wieder aufs Neue funktioniert.
Das besondere Setting verändert aber auch die Präsentierenden. Auch routinierte Kommunikatoren fühlen sich oft angespornt, etwas zu verändern. So wird eine Präsentation oft ganz unwillkürlich viel verständlicher und anschaulicher, wenn sie für einen Vortrag in einem Club vorbereitet wird, als wenn sie in einem Hörsaal gehalten werden soll.
Kommunikation gelingt immer dann besonders gut, wenn sie allen TeilnehmerInnen Freude macht. Der Rahmen, in dem sie stattfindet, spielt dabei eine wichtige Rolle. Wer sich wohlfühlt und Spaß hat, hört anders zu – und hält bessere Präsentationen.
Vielleicht ist Wissenschaft so wichtig wie noch nie zuvor. Wir brauchen ihre Ideen, Erfindungen und Entdeckungen, um Visionen für eine bessere, nachhaltigere Zukunft zu entwickeln. Wissen verständlich, anschaulich und damit auch erfolgreich zu vermitteln, ist entscheidend, damit diese Visionen Wirklichkeit werden können. Bei den Science Notes suchen wir immer weiter nach neuen Wegen, Menschen für Wissenschaft zu begeistern und zu bewegen.
Thomas Susanka - Mitarbeiter an der Forschungsstelle „Präsentationskompetenz“