Ein explain Artikel
Der Raum, in der Eventgestaltung.
Inszenierung Interaktion und Szenografie
Damit bezieht sich Hans Platschek auf Kunst, auf Gemälde und Skulpturen. Bei Veranstaltungen – Marketing-Events, Konferenzen oder Messen – wären wir verloren ohne virtuelle Elemente als Teil von Präsenz, von Präsentation. Dreidimensionales wird zweidimensional gezeigt. Jedoch in einem, in der Regel, dreidimensionalen Raum. Das erleben wir bei Hauptversammlungen und Produktvorstellungen, in den Länderpavillons der World Expos und bei Festivals, bei Fachkonferenzen und Messebeteiligungen.
Sehr stark im Fokus sind nicht nur die Redner und ihre Präsentationen. Die Orte ihrer Performances werden zunehmend zum Gegenstand von Unterstützung, Verstärkung, Authentizitätsbeleg oder Aktivierung. Im Generellen ablesbar ist das an der Entwicklung der Veranstaltungsfläche: die Zahl der Eventlocations wächst stärker als die der Kongresshallen oder der Konferenzhotels. Purpose-built ist eben funktional, nüchtern und sachlich – wohingegen „special“ das offeriert, was uns nicht nur quantitativ Raum für die Eventgestaltung gibt, sondern auch inhaltlich. Die materielle Präsenz eines Bildes ist nicht transportierbar.
Katharina Stein, die mit ihrem eveosblog den Finger auf dem Event-Puls hat, erläutert die Nähe der Live-Kommunikation zum Menschen (in seiner Rolle als Teilnehmer, Besucher, Gast) über das Begreifen durch Sinne. Riechen, fühlen, schmecken, hören, sehen – möglichst alle – sollen genutzt werden. Was dem Raum als Lieferant von Sinneseindrücken einen Platz gibt. Die Bedeutungszuschreibung ist offenkundig: der Raum als Element der Eventgestaltung ist potenzieller Multi-Sensorik-Emittent. Ein Event ohne Raum gibt es nicht. Jeder Raum hat Einfluss auf das Event und die sich darin befindenden Personen. Und das, ob bewusst gestaltet oder nicht. Was uns an Paul Watzlawick erinnert und sein „Man kann nicht nicht kommunizieren!“. Wie ein Mantra gilt dies auch für Events und deren Erlebnis-Räume im Sinne von „Man kann nicht nicht gestalten!“.
Die materielle Präsenz eines Bildes ist nicht transportierbar.
Szenografie widmet sich exakt dieser Herausforderung. Sie ist die Lehre oder Kunst der Inszenierung im Raum. Wir kennen Szenografie aus dem Theater, dem Film und der freien Kunst sowie den Museen. Was früher auf das klassische Bühnenbild beschränkt war, ist heute allgemeiner als nonverbale Kommunikation anzutreffen – in Form anwendungs- oder projektspezifischer Inszenierung von Räumen. Die Relevanz der realen drei Dimensionen für emotionale Begegnungen von Menschen mit Unternehmen, Marken oder Produkten hat der Künstler Maurizio Nannucci in einer seiner Neon- Arbeiten visualisiert: Sie zeigt das Wesen von Events in Form von drei Attributen auf und leuchtet uns mit „Events Take Place – Events Take Time – Events Take Space“ den Weg. Sie finden statt, nehmen Zeit in Anspruch und erfordern Raum!
Sogenannte performative Räume sind in einen Dialog eingebunden – oder Plattform eines Zwiegespräches. Ein Austausch entsteht mit Körpern. Das können sowohl Exponate als auch Vortragende, Moderierende, Darstellende sein. Sie treten in Dialog mit dem Raum, in dem sie sich befinden, in den sie eingebracht oder aus dem sie entfernt werden. Da in modernen Veranstaltungsformaten stets auch der Besucher beziehungsweise Teilnehmer als möglichst aktives Element inszeniert wird, gilt das auch für diesen Körper. Ein weiterer Dialogpartner ist die Zeit – die Chronologie-Dimension des Dialogs. Wir kennen fast alle solche Szenen eines Events: Wände öffnen sich, Produkte werden sichtbar und drehen sich zum Publikum hin, entlang einer Zeitachse scheint alles in Bewegung. So geschehen bei einem Event, das mir in guter Erinnerung geblieben ist (und damit nachhaltig wirkt!):
Nach der Begrüßung durch den CEO und einer kurzen filmischen Sequenz zu den wesentlichen Innovationen des neuen Fahrzeugs dreht sich die Tribüne samt der dort sitzenden Gäste hin zum Anlass des Events – dem neuen Sportwagen (der selbstverständlich bis dahin noch nicht real zu sehen war!).
Form follows function
Ein für die Gestaltung von Events grundlegendes Konstrukt ist das Narrativ.
Die Erzählung als nicht nur roter Faden, sondern Content-Geber und Rund-Macher, gebraucht für eine konsequent inszenierte Veranstaltung, einen narrativen Raum. Er findet sich dann wieder, wenn eine Geschichte tatsächlich strategisch geplant und umgesetzt wird. Eine räumliche Anordnung zeigt die der thematischen Struktur entsprechend gestalteten Objektgruppen. Wo sitzen oder stehen die Gäste? Wo tritt der Redner auf? An welcher Stelle werden die Produkte präsentiert? Und wohin bewegen wir uns zur Veranstaltungspause?
Der narrative Raum fordert auf zum Dialog der Objekte, die Anordnung erst macht dies möglich – oder erzwingt es sogar. Die vorhin genannte Dimension Zeit steht im narrativen Raum für Bewegungsmuster und Blickachsen. Es soll bewusst eine vorhandene thematische Beziehung betont und damit verstärkt werden. Zudem kann ein narrativer Raum Geschichten innerhalb einer Geschichte anbieten. Von der Gründung eines Unternehmens bis zum neuen Produkt. Von der regionalen Position hin zur Rolle als Global Player. Vom Stillstand zum Aufbruch, von der Stagnation zur Marktführerschaft. Der Raum steht gegebenenfalls den Gästen als alleiniger Erzähler gegenüber – was die Aufmerksamkeit für den Redebeitrag des Keynote Speakers oder des Vorstandsmitglieds erhöht.
Die modernen Veranstaltungsformate beziehen die Teilnehmer mit ein, versetzen sie in eine aktive Rolle. So finden wir Partizipation als wirkliche, ernst gemeinte Beteiligung, Interaktion als Handeln meist zwischen Gruppen oder Hierarchien und Kollaboration als kokreatives gemeinsames Schaffen. Der Raum ist dann Werkstatt, Bühne, Labor und zugleich Showroom. Er unterstützt wesentlich durch die Bereitstellung von Bereichen für die jeweilige Aufgabenstellung. Gerade hier ist nachvollziehbar, wie wichtig das ist, was unter anderem Christian Mikunda als den Dritten Ort beschreibt: Eine Wohlfühlatmosphäre, die uns den Raum als ein vorübergehendes Zuhause wahrnehmen lässt.
Räume sind immer Gegenstand der Gesamtdramaturgie: als Bestandteil in der Geschehnisfolge, als Gestaltungselement in der raum-zeitlichen Struktur, als Ort für Rituale und als Platz einer symbolisch besetzten Kommunikation. Sie können unterstützen oder behindern durch die Schaffung von Aufmerksamkeit – oder Ablenkung! Sie können bedeutsam sein oder irrelevant – bestimmt im Wesentlichen durch die Ziele einer Veranstaltung, die etwa Authentizität oder Neutralität erfordern.
Starke Unterstützung mit hoher Relevanz analysiert Mikunda in seinem aktuellen Buch Hypnoästhetik. Eine Inszenierung von Räumen, die uns in einen tranceähnlichen Zustand versetzen soll. Verwirrung, Auflösung, Erlösung – in dieser Reihenfolge wird der Erwartungshorizont zunächst destabilisiert, um durch dann folgende Stabilisierung Erleichterung zu verschaffen.
So weit müssen wir nicht gehen. Beginnen wir damit, sinnlose Dekorationen zu vermeiden (die Pflanze neben dem Redner wird im Fachjargon Bühnengemüse genannt), unterstützen wir den Redner durch hochwertige Visualisierung an den richtigen Stellen im Raum, bauen wir statt reihenbestuhlter Kurzzeitschlafplätze Aufmerksamkeits- und Erlebnisflächen für die Gäste (eventuell im Stil von Talkshows oder des shakespeareschen Globe Theatre) und nehmen wir den Raum als Element der Eventgestaltung frühzeitig mit in unsere Überlegungen.
„Form follows function“ (und damit: der Raum orientiert sich an der Aufgabenstellung des Events) ist immer dann richtig, wenn wir das frei bestimmen können. Jedoch haben wir bei Veranstaltungen oft den Raum als bereits gesetzten Faktor. Dann müssen sich die Inhalte oder Aufgaben daran orientieren. Was in einigen Fällen durchaus zu erfolgreichen, spannenden und lange nachwirkenden Events führen kann.
Stefan Luppold