Ein explain Artikel
Ich präsentiere halt so, wie ich bin!
Im Juli 2015 spielt sich eine Szene beim Diamond Meeting in Paris ab, die dramatischer nicht sein könnte. Ein junger Amerikaner namens Evan Jager läuft gerade im Rennen über 3000-Meter-Hindernis die Zeit seines Lebens. Mit der Geschmeidigkeit einer Gazelle lässt er alle Mitläufer hinter sich. Fast ist es geschafft. Nur noch eine einzige Hürde bis zum Sieg. Doch dann passiert es: Der Beinahe-Gewinner landet unglücklich, strauchelt und … stürzt. Der Kenianer Jairus Kipchoge Birech zieht an ihm vorbei. Vorbei ist der Traum. Für Jager reicht es nur noch für den undankbaren zweiten Platz.
Aber was hat diese Geschichte mit Präsentationen zu tun? Mehr als Sie denken. Denn so oder so ähnlich spielen sich die Szenen in vielen Meetingräumen, auf vielen Bühnen der Business-Welt ab – nur in Form von Präsentationen. Denn eine schlechte Darbietung ist wie Stolpern auf der Zielgeraden. Sie wissen wovon ich spreche: Mit dem Laptop auf dem Schoß kurz vor dem Kundengespräch noch schnell die Folien überarbeiten. Präsentationen für den vielbeschäftigten Chef fertigmachen, der die Folien bei der Vorführung zum ersten Mal sieht. Ein bisschen ist das wie PowerPoint-Karaoke. So ist es mir einmal als Praktikantin in Brüssel ergangen. Das ist Nervenkitzel pur, obwohl man noch nicht einmal selbst auf der Bühne steht. Kurzum: Üben ist einfach nicht der Standard in Deutschlands Präsentationskultur. Amerikaner sprechen auch von „wing a presentation“. Was sinngemäß für Improvisation steht. Auch wenn dieser Spontanität ein romantischer Coolnessfaktor anhaftet, eine schlechte Präsentation ist ganz und gar nicht cool, sondern im schlimmsten Fall geschäftsschädigend.
„Üben? Ich doch nicht!!“
Dabei freut sich doch jedes Publikum über eine beeindruckende Performance. Warum also ist das Üben so verpönt? Zwei große Missverständnisse kommen dafür in Frage: Erstens: „Sprecher werden geboren“. Zweitens: „Authentizität und Übung passen nicht zusammen“. Also bloß nicht zu viel üben, das wirkt nur unecht. Aber stimmt das wirklich? Ich glaube, das Ideal des unvorbereiteten, aber eloquenten Sprechers ist ein Mythos. Demosthenes schrie vor 2500 Jahren mit Kieselsteinen im Mund gegen die Meeresbrandung an. Al Gore transformierte sich vom langweiligen Politiker zum begeisternden Präsentatoren. Selbst Steve Jobs übte tage- und wochenlang vor der Macworld. Erst aus der Übung heraus entwickeln wir uns als Sprecher, die sicher vor ihrem Publikum stehen.
Aber Augenblick: Da war ja noch diese Angst, irgendwie unecht, gekünstelt oder wie ein Schauspieler rüberzukommen.
„Wenn ich zu viel übe, bin ich doch nicht mehr authentisch.“
Diese Denke halte ich für einen Trugschluss. Oder böse gefragt: Kann es sein, dass das Nichtüben nur eine Ausrede dafür ist, sich nicht verändern zu müssen? Viel bequemer ist es doch, sich an ungünstigen Gewohnheiten auf der Bühne festzuhalten. Dies können ablenkende Gesten sein, eine komplizierte Formulierungsweise oder ein Vortrag, der jeglicher Emotion entbehrt. Ist das wirklich das authentische Selbst, das wir vor unserem Publikum sein möchten? Wäre es nicht denkbar, dass gerade das Üben die authentische Sprecherpersönlichkeit formt, die wir eigentlich sein möchten?
Ja, aber, werden einige einwenden: Wir kennen doch den zu glatten Motivationsspeaker mit dem makellosen Lächeln oder etwas zu perfekten CEO auf der Bühne. Sie machen alles richtig, sie sind präsent, routiniert und akzentuieren stets an der richtigen Stelle. Und doch springt der Funke irgendwie nicht über. Das kann nicht Sinn der Sache sein! Deshalb darf das Üben auch nicht verstanden werden als reines Auswendiglernen oder Choreografie. Vielmehr ist es eine Auseinandersetzung mit uns selbst und wie wir wirken. Das Üben gibt uns ein größeres Maß an Freiheit, uns vielfältig auszudrücken. Unsere Emotionen ohne Furcht zu äußern, unser inneres Denken und unsere innere Haltung hörbar zu machen.
Momente, die beeindrucken
Ein Sprecher, der sich dem Publikum öffnet, sich auf der Bühne verletzlich, aber auch leidenschaftlich zeigen kann, das beeindruckt. Neurowissenschaftlerin Amy Cuddy, die mit ihrem TED Talk über Körpersprache mehr als 40 Mio. Videoaufrufe erreichte, zeigt sich verletzlich. Es ist ihre persönliche Geschichte als hochbegabte Studentin, die nach einem Autounfall mit Kopfverletzung ihre Begabung verliert und sich wieder hochkämpft. Mit dieser Geschichte zieht Cuddy eindrückliche Parallelen zu ihrer Forschungsarbeit, sie kämpft sichtlich mit den Tränen. Der schwedische Wissenschaftler Hans Rosling zeigt sich in seinem Vortrag über Zusammenhänge im globalen Bevölkerungswachstum leidenschaftlich. Mit dem Elan eines Sportreporters lässt er im Zeitraffer Daten aus einem halben Jahrhundert eine faszinierende Geschichte erzählen. Begeistert kommentiert der Professor die Bewegung der Datenmassen und verfolgt ihre Entwicklung mit großen Gesten. Diese Präsentatoren haben es verstanden, nicht nur den Inhalt für sich sprechen zu lassen, sondern ihn durch eine sichere, authentische und ausdrucksstarke Darbietung zu verdeutlichen und in Szene zu setzen. Was ist mit Ihnen? Was für ein Sprecher möchten Sie sein? Das Gute bei der Sache ist: Um als Sprecher zu beeindrucken, müssen wir nicht perfekt sein oder uns verstellen, sondern einfach zu der Person werden, die wir im Innersten sind.