Ein explain Artikel

arrow

Präsentationen mit Prezi?

Poster

Ich möchte ganz ehrlich sein: Dieser Artikel entstand mit der festen Absicht, die zahlreichen Nachteile von Prezi schamlos zu offenbaren. Schließlich war ich vollkommen ratlos, was Prezi zum Trendsetter der Präsentationswelt gemacht hat. Schriften und Linienstärken sind nicht frei editierbar, fast alle Objekte müssen außerhalb des Programms erstellt und eingefügt werden. Es gibt keine Sprechernotizen und – aus meiner Sicht am schlimmsten – das Ganze funktioniert nur online und basiert auf Flash. Um das herauszufinden, habe ich mich mehrere Tage mit dem Programm auseinandergesetzt, um dann am Ende des Versuchs meine Ergebnisse in Prezi zu präsentieren.

Dazu sollte es niemals kommen. Die Übertragung der Datei funktionierte nicht, das Internet fiel aus – genau wie meine Präsentation. All das und noch viel mehr wollte ich nun ausführlich beleuchten. Doch ausgerechnet im April 2017, 30 Jahre nach der Erfindung von PowerPoint, kam Prezi Next auf den Markt und hat tatsächlich die meisten der oben genannten Probleme ausgebügelt. Der Kampf der Giganten ist in vollem Gange und der Vergleich fällt deutlich schwerer, als noch vor einem Jahr.

Prezi kämpft mit harten Bandagen und legt eine Studie vor, in der Harvard-Forscher beweisen, dass Prezi fesselnder, überzeugender und effektiver als PowerPoint ist. Das Internet stimmt einvernehmlich zu, dass Präsentationen mit Prezi einfach besser, cooler und spaßiger sind als mit PowerPoint. Es wird von einem positiven Erlebnis durch Zoom-Funktionen gesprochen und außerdem wirken Prezi-Nutzer einfach sachkundiger und professioneller. Wenn man dem Internet glauben darf, liegt PowerPoint K.O. im Ring und wird bereits vom Ringrichter angezählt. Das Ende einer Ära. Oder etwa nicht?

In all dem Tumult bleibt unbemerkt, dass unentwegt Äpfel mit Birnen verglichen werden. Oder, um genauer zu sein, der Inhalt einer Präsentation mit der Präsentationstechnik gleichgesetzt wird. Prezi spricht auf seiner Homepage vom Einsatz visueller Elemente und preist Storytelling an. Darüber hinaus steht das dialogorientierte Präsentieren im Vordergrund. Und damit hat Prezi vollkommen recht. Was allerdings gekonnt ignoriert wird, ist, dass all diese Dinge genauso gut in PowerPoint funktionieren.

Das prägnanteste Merkmal der Software Prezi besteht in den umfangreichen Zoom-Funktionen. Mit einfachsten Mitteln erreicht man Drehmomente der besonderen Art, kann nach Belieben kreuz und quer durch die abgebildeten Inhalte hüpfen und schafft es so angeblich, dass Zusammenhänge visuell deutlich werden. Dramaturgische Kenntnisse aus mehreren Jahrhunderten können getrost ignoriert werden. Denn die Flexibilität wird als höchstes Gut angesehen und die Funktion eines wirkungsvollen Einstiegs oder einer zielführenden Struktur rückt in den Hintergrund – Effekthascherei statt inhaltlicher Tiefe.

Nun stellen wir uns diese typischen Rotationen auf einer Kinoleinwand vor – genau deshalb gibt es mittlerweile den Ausdruck „Seasickness by Prezi“. Es gibt inhaltlich wie visuell hervorragende Prezi-Präsentationen – davon bin ich überzeugt. Doch gerade für gute Redner sollten die Effekte auf ein Minimum reduziert werden. Schließlich sollte der Mensch mit seiner Botschaft den Mittelpunkt bilden und nicht von der Folie in den Schatten gestellt werden.

Die Hersteller betonen, dass die Software für Nutzer entwickelt wurde, die keine Designer sind. Und das trifft den Nagel auf den Kopf. Dem geübten PowerPoint-Profi würden zahlreiche Funktionen fehlen. Vor allem die Einhaltung von Corporate Design Guidelines fällt durch die flexible Handhabung der Flächen schwer. Damit wird Prezi zum Albtraum eines jeden Marketing Managers. Aber mit zahlreichen Gestaltungsvorlagen und schwindelerregenden Effekten kann jeder, ja wirklich jeder, Präsentationen erstellen. Gerade für Schüler oder Studenten bietet sich die Basic-Variante an. Denn im Gegensatz zu PowerPoint ist diese kostenlos erhältlich.

Während Prezi mit dem Vorwurf der Seekrankheit zu kämpfen hat, spricht man bei der Alternative von „Death by PowerPoint“. PowerPoint sei das bessere Schlafmittel und solle unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, so die weitverbreiteten Vorurteile. Bulletpoints und trockene Fakten gepaart mit absurden Animationen bilden dabei die Vorhut zahlreicher begangener Präsentationssünden. Man darf die Funktionen eines Programmes aber nicht mit den Kenntnissen oder Gewohnheiten der Anwender verwechseln. Denn, was kaum einer weiß, PowerPoint bietet nahezu unglaubliche Möglichkeiten. PowerPoint fordert seine Zielgruppe heraus.

Nach etwa 30 Jahren am Markt kennen nur die wenigsten alle Tipps und Tricks. Über Hyperlinks und benutzerdefinierte Präsentationen ist es schon lange möglich, einen individuellen Weg durch die Präsentation zu wählen. Mit PowerPoint 2016 ist diese Funktion nun einfacher denn je und bietet die gleichen Zoom-Effekte wie Prezi. Außerdem können erstmals einzelne Elemente in ihrer Form- und Farbgebung animiert werden – die Quadratur des Kreises wird zum Kinderspiel. Die Gestaltung der Folien ist wandelbar wie nie zuvor. Mein persönliches Highlight ist die Einbindung von 3D-Grafiken.

Doch als Konzepter beschäftigen mich vor allem die inhaltlichen Aspekte der Software. Mit Abschnitten und durch die Ansicht der Foliensortierung wird die Struktur der Präsentation sichtbar und begreifbar. Foliengänge und Animationen bieten eine große Auswahl, um Aussagen gezielt zu unterstützen. Doch was ist nun besser? Die lineare Abfolge, wie sie von den meisten PowerPoint-Anwendern erstellt wird? Oder die dialogorientierte, voll flexible Abfolge, für die Prezi bekannt ist? Wie immer liegt die Wahrheit zwischen den Extremen.

Mit PowerPoint habe ich die Möglichkeit, beides sinnvoll zu verbinden. Inhalte, die einer wirkungsvollen Storyline folgen oder die Gewichtung verschiedener Argumente beeinflussen, werden linear angelegt. Inhalte, die den Dialog öffnen sollen oder individuelle Angebote und Herangehensweisen demonstrieren, werden flexibel und modular integriert. So verhindere ich, dass Argumentationsketten durchbrochen werden, und gewährleiste eine gleichbleibende Präsentationsqualität.

Bleibt noch die Frage, wer den Kampf der Giganten gewinnt – Prezi oder Powerpoint? Tatsächlich kann ich sie nicht abschließend beantworten. Beides sind Programme, die eine visuelle Untermalung des gesprochenen Wortes ermöglichen. Für Privatpersonen, Schüler und Studenten ohne Programmkenntnisse bietet Prezi schnelle Fortschritte und effektvolle Übergänge. Im professionellen Bereich hingegen setze ich weiterhin auf PowerPoint. Denn letzten Endes geht es nicht darum, den Sprecher zu überlagern, sondern darum, ihn zu bereichern. Und mit einer breiten Palette an Möglichkeiten bietet PowerPoint für jedes Präsentationsziel die passende Spielart von laut bis leise.

WELCOME TO