Ein explain Artikel
Re-Present your archetype.
Von Geschichten, Tiefenpsychologie und dem ganz eigenen Präsentationsarchetypen.
Wer mit Sprechen, Beraten oder Präsentieren sein Geld verdient, stößt beim eigenen Branding auf ganz spezielle Herausforderungen. Die Marke, die man kreiert, ist schließlich untrennbar mit der eigenen Person verbunden. Alles – negativ oder positiv – fällt auf einen selbst zurück. Ein kleines Tochterunternehmen kann man nach einem Skandal abstoßen und mit einem neuen unverbrauchten Namen an den Markt gehen. Das Image der eigenen Marke begleitet den Sprecher ein Leben lang. Die Herangehensweise unterscheidet sich also grundsätzlich von sonstigen Markenentwicklungen. Authentizität sticht Strategie. Und ALLES muss höchst persönlich genommen werden. Die Markenpersönlichkeit lebt von der Sprecherpersönlichkeit. Um die Marke „ICH“ zu kreieren, muss man tief in den Spiegel schauen.
Die Arbeit mit Archetypen kann für die eigene Sprechermarke ein wertvolles Werkzeug sein. Doch Archetypen sind auch ein zutiefst komplexes Thema, das ich in diesem Rahmen nur oberflächlich anreißen kann. Wenn Sie sich dennoch einlassen möchten auf dieses kurze Abenteuer, gespickt mit gefährlichem Halbwissen, Gedankenspielen philosophischer Art und wenn Sie vor allem nicht davor zurückschrecken, sich diese Dinge auf eine ganz pragmatische Art zunutze zu machen, dann wird sich Ihre Offenheit lohnen. Andernfalls blättern Sie einfach weiter.
„Das Leben hat mehr als ein Genre. Es ist eine fantastische Science-Fiction-Cowboy-Detektiv-Geschichte mit einem Hauch Pornografie, wenn Sie Glück haben.“
Wir können jede Geschichte erleben, die das Leben so schreibt (und das Leben schreibt nach wie vor die besten). Aber gibt es eine einfache Herangehensweise, um diese Geschichten zu ordnen, die richtigen auszuwählen oder sie zu interpretieren? Carl Gustav Jung, Begründer der analytischen Psychologie, beschäftigte sich mit Archetypen. Also mit Urbildern oder Urformen, die nach seinem Modell im kollektiven Unbewussten verankert sind und beispielsweise in Träumen sichtbar werden. So stellte er fest, dass bestimmte Symbole kultur und zeitübergreifend in Träumen erscheinen. Oder dass Mythen und Legenden seit Anbeginn der Menschheit ähnliche Rollen oder Konflikte beinhalten. Archetypen beinhalten Wissen – Symbole, Elemente, Eigenschaften oder Werte – das man intuitiv versteht und einordnen kann. Aber um der Tiefe des Themas gerecht zu werden, müsste man eigentlich ein Buch verfassen. Oder ein Vorhandenes von C. G. Jung lesen (siehe Literaturempfehlung, Seite 111). Heute wissen wir, dass Archetypen erlernbar sind. Es ist also vielmehr ein sozialpsychologisches Phänomen. Aber trotzdem lehren sie uns wie kein anderes Modell, Motivation in Symbole zu übersetzen.
Auch wenn Archetypen in unzähligen Variationen auftauchen, konzentrieren sich die meisten Modelle auf zwölf Hauptgruppen. Die Bezeichnung variiert ebenfalls – die enthaltenen Typen jedoch bleiben meist gleich. Da wären der Held, der Rebell und der Magier, die für Veränderung stehen. Narr, Liebender und Jedermann sind auf die Nähe zu anderen Menschen bedacht und pflegen Beziehungen. Fürsorger, Herrscher und Schöpfer verleihen unserer Welt Ordnung und Stabilität. Während der Unschuldige, der Weise und der Entdecker eine Reise zu individuellen Idealen anstreben. Wofür werden nun diese Archetypen genutzt? Nun, beispielsweise für das „Das Leben hat mehr als ein Genre. Es ist eine fantastische Science-Fiction-Cowboy-Detektiv-Geschichte mit einem Hauch Pornografie, wenn Sie Glück haben.“ Comic-Autor Alan Moore Branding von Marken. Die Automarke Mini positioniert sich ganz klar beim Rebellen. Besonders deutlich wurde das in der Kampagne „NOT NORMAL“ von 2014. Mini ist bunt, anders, mutig, provokant. Auch Jeep verfolgt einen klaren Archetyp – den Entdecker. Landschaften, Freiheit, Abenteuer und die Sehnsucht nach fremden Ländern und Kulturen. Das Auto ist selten im Vordergrund. Dafür macht es Platz für beeindruckende Landschaften und Naturphänomene.
Die Bildsprache, Botschaften, Farben und Symbole kommunizieren konsequent in die Richtung des erwählten Archetyps. Ich habe diese Elemente nie in einem Buch nachgeschlagen. Trotzdem verstehe ich sie unbewusst und die gewünschte Emotion wird ausgelöst. Auch im Soundbranding wird bereits erfolgreich mit Archetypen gearbeitet. Denn ein „Magier“ klingt ganz anders als ein „Herrscher“. Wenn man den Archetypen einer Marke also kennt oder in der Strategie erarbeitet, können Soundmarken viel zielgerichteter komponiert werden. Und natürlich werden Archetypen auch im Storytelling eingesetzt. Egal, ob am Ende ein Blogartikel entsteht, ein TV-Spot oder ein Blockbuster – der Einsatz archetypischer Rollenbilder und Konflikte ist ein Erfolgsgarant. Man kann ohne Worte ein ganzes Universum an Assoziationen auslösen. Das spart Zeit und vereinfacht die Informationsaufnahme. Warum sollte man Archetypen also nicht auch für Präsentationen bzw. Sprecher nutzen? Schließlich muss sich ein Sprecher ähnlich wie eine Marke vermarkten. Zudem ist die Zeit bei einer Präsentation meist knapp und das Publikum nur begrenzt aufnahmefähig. Im Gegensatz zu einem Film, Buch oder Blog kann ich aber selten zurückspulen, erneut nachlesen oder hochscrollen. Die Botschaft muss auf Anhieb funktionieren.
Archetypen sind keine Stereotypen
Dabei sollte man Archetypen bewusst von Stereotypen differenzieren. Stereotypen sind geschlossene Schubladen, die wenig Raum für individuelle Interpretation lassen. Der schmierige Detektiv mit Pfeife und Trenchcoat ist ein oberflächliches Klischee, ein Stereotyp, und sicher keine sinnhafte Positionierung. Denn dieses Klischee funktioniert nur, solange er in seiner Rolle als Detektiv bleibt. Archetypen hingegen sind offene Schubladen und bieten vielmehr einen Deutungsrahmen. Sie verweisen auf charakteristische Züge und sind losgelöst von Rollen. Der Archetyp „Detektiv“ muss nicht zwingend als Detektiv arbeiten. Er verweist vielmehr auf die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, auf einen untrügbaren Instinkt und Hartnäckigkeit. Die Suche nach der Wahrheit treibt ihn an.
Wer tatsächlich Detektiv ist, kann durch die bewusste Positionierung innerhalb eines anderen Archetyps verdeutlichen, welche Werte ihm wichtig sind. Was seine Motivation ist. Wie er sich selbst im Gefüge der Gesellschaft betrachtet. Ein Detektiv, der sich dem Archetyp „Rebell“ zugehörig fühlt, bekämpft die Obrigkeiten und greift dabei manchmal zu zweifelhaften Methoden. Der Detektiv als „Magier“ würde dagegen möglicherweise auf eine spirituelle Eingebung warten oder die Verdächtigen mit seiner charismatischen Art verzaubern … Wer weiß? Es ist alles offen.
Doch um herauszufinden, wen ich vor mir habe und wie ich mein Gegenüber einschätzen muss, braucht es Zeit. Zeit, die man auf der Bühne nicht hat. Und so kommt es immer wieder zu Fehleinschätzungen. Botschaften werden mit einem falschen Deutungsrahmen interpretiert oder missverstanden. Die Person auf Basis unvollständiger Eindrücke beurteilt. Deshalb macht es Sinn, seinen Archetyp visuell und inhaltlich zu verstärken. Das kann durch Kleidung, inhaltliche Stilmittel, Wortwahl, Visualisierungen oder auch Sound geschehen. Die beabsichtigte Wirkung ist im Idealfall deckungsgleich mit der Interpretation des Publikums. Wichtigste Voraussetzung: Es ist der richtige Archetyp.
Wie finde ich meinen Präsentations-Archetyp?
Sicher haben Sie verschiedenste Rollen, die Sie im Alltag einnehmen. Als Elternteil, als Freund oder Freundin, im beruflichen Kontext – und möglicherweise unterscheidet sich Ihr Verhalten in jeder dieser Rollen. Daher können Sie bestimmt Anteile verschiedenster Archetypen in sich erkennen. Wir konzentrieren uns nun auf Ihre Rolle als Sprecher bzw. Präsentator. Für eine authentische Positionierung müssen Sie zunächst in sich gehen. Suchen Sie innerhalb dieses Kontextes nach Stärken und Schwächen. Analysieren Sie, wie oben erwähnt, die Geschichten Ihres Lebens. Welche Rolle nehmen Sie in Ihren Geschichten ein? Sind es meist Tragödien oder eher Komödien? Welche wiederkehrenden Themen und Konflikte begleiten Sie? Und welche davon tragen Sie mit auf die Bühne? Welche Werte sind Ihnen wichtig? Wofür stehen Sie? Was motiviert Sie, auf die Bühne zu gehen und für Ihre Meinung einzustehen?
Die Analyse der eigenen Geschichte ist ein unermesslicher Schatz, den nur Sie zu heben vermögen. Aber auch die Perspektive von außen kann sehr wertvoll sein. Holen Sie sich Feedback von Freunden, Kollegen, Fremden. Mit welchen Attributen würde man Sie oder Ihren Auftritt beschreiben? Welche Eigenschaften fallen auf? All das sind Indizien, die Sie Ihrem Archetyp näherbringen. Um Ihnen trotzdem eine erste Richtung aufzuzeigen, finden Sie im Anschluss einen kleinen Test.
Was bringt es Ihnen als Sprecher?
Aus meiner Sicht sind drei Dinge essenziell für einen gelungenen Auftritt. Sicherheit in Bezug auf das Thema, auf die Performance und auf mich selbst als Person. Authentizität in dem Sinne, dass ich mich auf der Bühne nicht verstelle, sondern meine wahren Ansichten, Emotionen und Absichten – meine Persönlichkeit – unverfälscht wiedergebe. Und Ausdruck als Sichtbarmachung ebendieser Persönlichkeit. Archetypen vereinen zwei von drei Faktoren – Authentizität und Ausdruck. Sie helfen mir, die verschiedenen Aspekte meiner Persönlichkeit zu ordnen und ihnen Bedeutung zu verleihen. Und durch die Zuordnung der Archetypen zu visuellen oder inhaltlichen Stilmitteln kann ich ihnen Ausdruck verleihen. Darüber hinaus profitieren Sie von einer wertebasierten und persönlichen Positionierung am Markt.
Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben. Anfang des Jahres durfte ich Frank Bömers begleiten. Ein Sprecher, der sich gerade auf seine ersten großen Auftritte zum Thema Purpose vorbereitete. Was anfangs noch als inhaltliches Sparring angedacht war, weitete sich schnell auf die Bereiche Branding und Sprecher-Positionierung aus. Er teilte zahlreiche Geschichten über Wendepunkte, wegweisende Entscheidungen und innere Konflikte mit mir. Durch zahlreiche Gespräche wurde das Bild immer klarer und wir konnten einen Archetyp identifizieren – den Entdecker. Das hatte Auswirkung auf die Inhalte seiner Keynote, auf die Bildwelt seiner Präsentation, auf die Auswahl seiner Geschichten und letzten Endes auch auf sein Branding. Entdecker wünschen häufig unverfälschte und vollflächige Fotos von Landschaften. Die Sehnsucht nach Freiheit wird so direkt auf das Publikum übertragen. Aber der Archetyp gibt auch Aufschluss über die Eigenarten als Sprecher.
Der Entdecker ist ein freiheitsliebender Mensch. Dementsprechend ist ihm die Flexibilität einer Präsentation sehr wichtig. Eine Rede wird er wahrscheinlich nicht wortwörtlich vortragen, sondern im Moment des Auftritts frei vortragen und spontan auf die Situation reagieren. Dafür weiß er sein Publikum mit spannenden Geschichten zu faszinieren. Der Entdecker ist offen für Veränderung und lässt sich auch auf berufliche Abenteuer ein, stürzt sich mutig in neue Situationen. Das alles können hilfreiche Erkenntnisse sein, wenn man bereit ist, die eigene Darbietung auf der Bühne zu perfektionieren. Und so individuell wie die Persönlichkeiten, so individuell sind auch die Auswirkungen der Archetypen auf die eigene Sprecherpersönlichkeit. Sie selbst entscheiden, was Sie anwenden möchten.
Aus der Perspektive des Publikums ist es auf jeden Fall wertvoll. Eine stimmige Präsentation von Kopf bis Fuß, von Inhalt bis Outfit, sorgt für eine reibungslose Verarbeitung und erleichtert die Interpretation. Das Publikum soll sich schließlich Gedanken über Ihre Kernbotschaft machen – und nicht über die fragwürdige Kombination Ihrer Bildwelten. Ich habe in den letzten Jahren zahlreiche Präsentationen gehalten, erstellt oder konzipiert. Was aber noch wichtiger ist: ich habe Hunderte von Präsentationen jeglicher Couleur erlebt. Von Fremdschäm-Momenten bis zu absoluter Begeisterung, vom Mini-Meeting bis zur prall gefüllten Arena, von fachlich-seriös bis leidenschaftlich und zu Tränen rührend war alles dabei. Die besten Redner waren für mich immer diejenigen, die ihre Persönlichkeit aufrichtig und offen mit einbringen. Die sich selbst mit allen Macken akzeptieren, sich nahbar machen und ihren ganz eigenen Typen repräsentieren. Egal, ob das nun einem speziellen Archetyp entspricht oder nicht.
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Was ist Ihr Präsentations-Archetyp?
Die letzten Seiten waren voller Hinweise und kleinteiliger Details über die Präsentations-Archetypen. Doch was macht die verschiedenen Typen nun aus? Und was kann man aus ihnen lernen? Auf dieser Doppelseite erhalten Sie einen kleinen Einblick in die verschiedenen Eigenheiten, in Stärken und Schwächen. Vielleicht erkennen Sie sich im ein oder anderen wieder.
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