Ein explain Artikel
Storytelling. Once upon a time…
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Wir schreiben das Jahr 2019. Die Kunst des Geschichtenerzählens feiert ihr Comeback als Allheilmittel schlechter Kommunikation. Kein Wunder! Denn hinter dem Buzzword Storytelling verbirgt sich ein ganzes Sammelsurium positiver Wirkmechanismen. Geschichten – Flugsimulator, Empathiegenerator und Spiegelneuronenkatalysator. Die gesamte Medienlandschaft ist von Storytelling begeistert …
Die gesamte Medienlandschaft? Nein! Ein unbeugsames Medium hört nicht auf, Widerstand zu leisten und beharrt weiterhin auf nüchterne Vortragsarten und das stoische Aufzählen von Fakten. Es handelt sich um die Präsentation.
Eigentlich ist es an der Zeit, auch diese letzte Bastion zu erobern. Und manche mutigen Einzelkämpfer tun das bereits. Aber der Tenor widmet sich lieber voller Inbrunst den Medien, die seit jeher für Storytelling prädestiniert sind – Text und Film. Literarische oder journalistische Formate sind schon immer Spielfeld des Storytellings. Kein Wunder! Geschriebener Text kann spannende, absurde, emotionale Geschichten jeder Art beschreiben. Erzählperspektive? Alles ist möglich. Wortwahl und Satzlänge? Alles eine Frage des Stils. Komplizierte Sätze kann ich schließlich mehrmals lesen. Das Medium Film erzählte anfangs vielleicht noch langweilige Geschichten (1896 „Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“). Aber mit fortschreitenden Möglichkeiten wurde auch der Spannungsbogen größer (1903 „Der große Eisenbahnraub“). Ab diesem Zeitpunkt ist der Film untrennbar mit der Kunst des Geschichtenerzählens verbunden. Besonders in heutigen Zeiten lässt sich jedes noch so abstrakte Gedankenspiel in 3D visualisieren. Schwarze Löcher, Himalaya oder 20.000 Meilen unter dem Meer? Kein Problem! Erzählperspektive? Frei wählbar.
Was ist also der Effekt des jüngsten Storytelling-Hypes? Auch Texte aus Wissenschaft, Wirtschaft oder Werbung arbeiten mehr und mehr mit den dramaturgischen Mitteln der Unterhaltungsliteratur. TV-Spots, Unternehmensvideos und selbst Tutorials orientieren sich an den Drehbüchern der Blockbuster. Und Präsentationen? Sicher haben sich Präsentationen in den letzten Jahren verändert. Aber lange nicht in dem Maße, wie es bei anderen Medien der Fall war. Woran liegt das? Was unterscheidet Präsentationen von all den anderen Medien?
Die Präsentation muss abbilden, was nicht der Fantasie überlassen werden sollte. Aber sie muss gut beschreiben, was kein Bild darstellen kann.
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#01 - Einfachheit.
Im Gegensatz zu Text und Film kann ich eine Passage nicht mehrmals konsumieren. Der Text wird gesprochen und muss beim ersten Mal verstanden werden. Er muss einfach sein. Und trotzdem muss er ein Erlebnis bieten, den Zuhörer unterhalten. Ein Drahtseilakt.
#02 - Visualisierung.
Der reine Text überlässt unserem Gehirn als Superrechner die Ausgestaltung der Szenerie und auch der Charaktere. Film hingegen überlässt fast nichts der Fantasie. Die Präsentation bewegt sich genau dazwischen. Sie muss abbilden, was nicht der Fantasie überlassen werden sollte. Aber sie muss gut beschreiben, was kein Bild darstellen kann.
#03 - Rollenspiel.
Die Erzählperspektive ist in anderen Medien vielfältig gestaltbar. Doch als Sprecher ist es schwierig, fremde Geschichten aus der eigenen Rolle heraus zu zitieren. Zu hoch das Risiko, dass man wirkt wie ein Märchenonkel am Kamin. Noch dazu spielt Authentizität eine besondere Rolle. Die Glaubwürdigkeit meiner Geschichte hängt schließlich von meiner persönlichen Wirkung ab.
Storytelling in Präsentationen ist also eine ganz besondere Disziplin, die Fingerspitzengefühl und eine gute Intuition erfordert. Aber die Mühe lohnt sich! Worauf muss man also achten? Und welche Geschichten eignen sich besonders gut?
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Persönliche Geschichten
Die eigene Geschichte kann ein mächtiges Werkzeug sein. Man kann andere Menschen damit inspirieren, als gutes Vorbild vorangehen. Man kann sein Gegenüber ganz unauffällig von eigenen Fehlern lernen lassen und so die natürliche Reaktanz des Menschen überlisten. Oder man kann sie nutzen, um Augenhöhe zwischen sich und dem Publikum herzustellen. Alles sinnvolle Methoden im Kontext der Präsentation. Auf den ersten Blick scheint das Erzählen einer persönlichen Geschichte eine leichte Übung zu sein. Es gibt keinen Konflikt hinsichtlich der Erzählperspektive. Man kennt den Protagonisten der Geschichte ganz besonders gut. Noch dazu seine Emotionen, die persönlichen Verstrickungen mit der Umwelt und seine Handlungsmotive. Die Grundvoraussetzungen könnten besser nicht sein. Und trotzdem höre ich bei Präsentationen nur selten persönliche Geschichten, die mir tatsächlich nahe gehen. Auswendig gelernte, emotionslos vorgetragene und viel zu umfangreiche Erläuterungen neutralisieren jegliche Wirkung.
Wenn Sie das nächste Mal eine persönliche Geschichte in eine Präsentation einbringen möchten, betrachten Sie Ihr Leben einmal wie eine große Kiste Lego. Stellen Sie sich vor, dass jede Begebenheit, jedes Erlebnis eine andere Form und Farbe besitzt. Wenn Sie von Hoffnung erzählen, nehmen Sie nur die grünen Steine. Wenn Sie von Wut erzählen, nur die roten. Lassen Sie alle Bausteine der Geschichte weg, die nicht absolut notwendig sind. Fertig konstruiert? Bei der Gestaltung der Folien ist Authentizität angesagt. Im Idealfall nutzen Sie echte Fotos aus Ihrem Leben. Stockfotos von zu schönen Menschen mit perfektem Lächeln lassen Ihre Geschichte unglaubwürdig wirken. Wenn nichts Konkretes abgebildet werden kann, nutzen Sie die Folie, um eine Stimmung zu transportieren. Finden Sie Bilder, die genau das Gefühl – die Sehnsucht, Freude oder Trauer – auslösen, die Sie selbst damals gefühlt haben? Lassen Sie das Publikum an Ihren Emotionen teilhaben.
Produktgeschichten
Wer komplexe Produkte oder Dienstleistungen präsentiert, verstrickt sich oft in unnötigen Erklärungen. Schließlich müsste man doch diese eine Funktion noch erklären. Oder den Algorithmus, das zehnte Feature, die hundertste Funktion. Das Gegenüber reagiert mit Notabschaltung des Gehirns und lässt den Redeschwall in passiver Gelassenheit auf sich einprasseln. In der Werbung würde das nicht passieren. Warum also lassen wir uns vom Medium PowerPoint so häufig dazu verleiten? Geschichten schaffen hier Abhilfe, denn sie verleihen den rationalen Fakten eine Bedeutung. Oder um es in den Worten von Brené Brown zu sagen: „Maybe stories are just data with a soul.”
Besinnen Sie sich auf den absoluten Kern, die Essenz Ihres Produktes oder Ihrer Dienstleistung. Wenn Sie den Kern in einem Wort wiedergeben können, haben Sie die optimale Basis, um Geschichten oder andere erzählerische Herangehensweisen zu finden. Was bedeutet dieses Wort in einem anderen Kontext? Womit lässt sich dieses Wort vergleichen? Womit hängt es zeitlich, räumlich oder kausal zusammen? Welche berühmten Persönlichkeiten assoziieren Sie damit? Betrachten Sie es durch die verschiedensten Perspektiven. Gibt es vielleicht Mitarbeiter, Kunden, Partner, Prominente, die über diese Essenz aus Ihrer Perspektive erzählen können? Am Ende haben Sie zahlreiche Ideen für Metaphern, Analogien, Anekdoten und Beispiele, die Sie im Verlauf der Präsentation einstreuen können. Wer häufig präsentiert, kann sich so ein ganzes Arsenal an Geschichten zulegen.
Bei der Foliengestaltung empfehle ich, nicht zu viel abzubilden. Denn alles, was gezeigt wird, erwartet das Publikum auch auf der Tonspur. Wenn Sie also jedes Detail abbilden, kreieren Sie einen Käfig, aus dem Sie nur schwer ausbrechen können. Vielseitig interpretierbare Visualisierungen lassen Ihnen die Freiheit, zu improvisieren und die Inhalte auf Ihr Publikum anzupassen.
Über die eigenen Fehler zu lachen, das Scheitern mit einem Augenzwinkern zu betrachten, das macht Ihr Unternehmen menschlich und dadurch auch sympathisch.
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Unternehmensgeschichten
Ich habe unglaublich spannende Gründergeschichten gehört. Wahnsinnig witzige Anekdoten aus dem Unternehmensalltag und abenteuerliche Erzählungen vom Scheitern. Selten jedoch habe ich diese Geschichten im Rahmen einer Strategiepräsentation erlebt. Die Ziele des Jahres sind Balkendiagramme auf weißem Grund. Deren Animation das einzige dramaturgische Element. Die Motivationsrede reduziert sich auf KPIs und Incentives. Und auch im Recruiting werden diese Stories nur selten ausgepackt. Die unzähligen Geschichten eines Unternehmens sind das, was ihm eine Identität verleiht.
Welche Zufälle haben zusammengespielt, damit das Unternehmen gegründet wurde? Was war der Auslöser? Was waren die größten Hürden? Was die größten Erfolge? Was hat das Unternehmen groß gemacht? Sammeln Sie all diese Geschichten und lassen Sie dabei Mitarbeiter aus verschiedenen Bereichen zu Wort kommen. So wird es zu einer gemeinsamen Geschichte, die jeder gerne präsentiert. Aber auch hier gilt: Konzentrieren Sie sich bei der Formulierung auf die dramaturgisch wertvollen Momente. Passen Sie außerdem auf, dass Sie sich nicht nur von der besten Seite präsentieren. Niemand mag Angeber. Über die eigenen Fehler zu lachen, das Scheitern mit einem Augenzwinkern zu betrachten, das macht Ihr Unternehmen menschlich und dadurch auch sympathisch. Das funktioniert als repräsentative Geschichte nach außen. Es kann aber auch unternehmensinterne Präsentationen von Grund auf verändern. Denn so werden Mitarbeiter zu Helden, die Kämpfe gegen Monster (Umsatzeinbrüche) bestreiten und sich den Weg durch den Dschungel (Digitalisierung) schlagen.
Wirklich wirkungsvoll wird diese Geschichte, wenn Sie daraus starke Bilder oder Symbole kreieren. Bilder für Präsentationen, die jeder zu interpretieren und sich vorzustellen weiß. Bilder, die für Werte stehen und im eigenen Gebäude einen Ehrenplatz erhalten. Bilder, die alle Mitarbeiter mit dem Unternehmen verbinden. Dann werden die spannenden, witzigen oder abenteuerlichen Erzählungen auch Teil Ihrer Präsentationskultur.
Es war einmal …
Für lange Zeit waren Präsentationen und Storytelling noch Gegensätze. Doch PowerPoint kann schon lange mehr als Bulletpoints und Tabellen. Die Sprecher werden mutiger. Das Publikum giert nach kurzweiligen Botschaften und Unterhaltung. Auch die letzte Bastion wird fallen. Schon bald werden Geschichten die Meetingräume erobern oder bei Veranstaltungen tausende zu Tränen rühren. Und der Rest ist Geschichte …