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Fehler Kommunikationskultur.

Meine Kollegin hat mich kürzlich zu einer „Fuckup-Night“ mitgenommen. Wenn Sie nun die Augenbrauen hochziehen und sich fragen, was eine „Fuckup-Night“ ist, dann geht es Ihnen nicht anders als mir, als ich so spontan zu einer eingeladen wurde.

Fuckup-Nights sind Veranstaltungen, auf denen Sprecher aus verschiedensten Bereichen von ihren Fehlern, ihrem Versagen, ihren Pleiten – kurz gesagt – ihren Fuckups berichten. Seit dem allerersten kleinen Event im Jahr 2012 in Mexiko City haben sich die Fuckup-Nights zu einer globalen Bewegung entwickelt und sind heute als lizensierte Veranstaltungsreihe in über 300 Städten weltweit vertreten.

So weit, so gut. Das Besondere an dieser speziellen Fuckup-Night ist jedoch, dass daraus selbst ein kleiner Fuckup wird, als die erste Sprecherin nach 40 Minuten vom Veranstalter unterbrochen werden muss. Höflich wird sie darauf hingewiesen, dass es sich bei ihrer Präsentation eher um eine Selbstdarstellung handle und sie den Fuckups in ihrer Geschichte dabei viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt habe. Um mich herum entbrennt sogleich eine hitzige Diskussion darüber, ob die Sprecherin denn ausreichend oder ungenügend gescheitert sei. Ob denn auch das persönliche oder nur das berufliche Scheitern eine Rolle für die Qualifikation als Fuckup spiele?

Ich höre der kontroversen Nachbesprechung nur noch mit einem Ohr zu und frage mich stattdessen, was ich zu erzählen hätte, müsste ich auf dieser Bühne stehen. Würde ich davon erzählen, wie ich mit 14 Jahren in der Schule sitzen blieb? Oder davon wie ich mit 17 Jahren noch mal sitzen blieb? Würde ich von meinen Erkenntnissen erzählen? Also davon, dass ich einfach nicht fürs Auswendiglernen gemacht bin, dass das aber oft das Einzige ist, was in der Schule zählt? Oder würde ich davon erzählen, wie das erste Unternehmen, für das ich in Berlin arbeitete, Pleite ging? Oder vielleicht wie das zweite Unternehmen, für das ich in Berlin arbeitete, Pleite ging? Würde das denn reichen, um nicht von der Bühne gebeten zu werden?

Während meines geistigen Exkurses hat bereits der nächste Sprecher die Bühne betreten. Er eröffnet seine Präsentation mit derselben Befürchtung, die auch mir gerade durch den Kopf geht. Während er von seinen persönlichen und beruflichen Fuckups berichtet – sie sind tatsächlich mehr als ausreichend, um seine Anwesenheit auf der Bühne zu legitimieren – lasse ich meinen Blick über die Menge schweifen.

Die Dachterrasse in Berlin Mitte, auf der die Veranstaltung stattfindet, quillt vor lauter Andrang beinahe über. Ich schaue in gebannte Gesichter, die verständnisvoll nicken, manchmal lachen, manchmal teilnahmsvoll zu Boden blicken. Was bringt sie alle dorthin? Warum sitzen sie stundenlang da, um sich Geschichten vom Scheitern anzuhören? Geht es dabei vielleicht um eine Art Katharsis, um die Teilnahme am Leid eines anderen und die dadurch erhoffte innere Reinigung? Oder liegt es vielleicht doch eher an der oft mangelnden Fehlerkultur in deutschen Unternehmen? Dass man sich nach Offenheit und Verletzlichkeit sehnt, sie aber so selten im beruflichen Kontext antrifft?

Über Fehler zu reden ist alles andere als leicht. Zumeist sind wir es gewohnt, den Fehlern anderer Menschen mehr Aufmerksamkeit zu schenken als unseren eigenen. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Fehlern hingegen ist in höchstem Maße beunruhigend. Vielleicht haben wir Angst, Fehler einzugestehen. Vielleicht befürchten wir, jemand könnte uns für unser Versagen verantwortlich machen. Vielleicht wollen wir nicht als schwach gelten. Was der Grund auch sein mag – privat wie beruflich – versuchen wir dieses unangenehme Thema meistens vom Tisch zu lassen.

Dabei haben sich seit der Antike immer wieder schlaue Köpfe damit auseinandergesetzt, welchen Wert Fehler in unserem Leben haben können, wenn wir nur bereit sind, sie als Teil des Menschseins zu akzeptieren. „Irren ist menschlich, aber auf Irrtümern zu bestehen ist teuflisch.“ Seneca traf es damit ziemlich genau auf den Kopf. Und auch Cicero mit seinem berühmten Ausspruch „Zu gestehen ist wie eine Medizin, wenn wir gefehlt haben.“ war seinerzeit wegweisend. Nur wenn wir bereit sind, unsere Fehler einzugestehen und sie offen zuzugeben, können wir auch daraus lernen. Dieses Bewusstsein ist heute wieder auf dem Vormarsch.

Und auch Unternehmen sollten sich dieses Mehrwerts bewusst sein und eine offene und tolerante Fehlerkultur pflegen. Meine bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass eine fehlende Fehlerkultur auch das Scheitern eines Unternehmens herbeiführen kann. Zu oft habe ich miterlebt, wie in der Führungsebene zweifelhafte Entscheidungen getroffen wurden, die sich schlecht auf das Unternehmen und auf die Mitarbeiter ausgewirkt haben. Diese Fehlentscheidungen wurden nie als solche anerkannt und Versuche der Mitarbeiter, solche Themen anzusprechen wurden nicht ernst genommen. Zumeist wurden die Gründe für das Scheitern nicht bei den eigenen Entscheidungen, sondern bei äußeren Einflüssen gesucht. Dieses Verhalten wurde stur beibehalten – bis sich die Fehler früher oder später wiederholt haben. Die Langzeitschäden solcher Kommunikation sind absehbar. Auch die von mir hautnah miterlebten Pleiten zweier Unternehmen hätten sich vermeiden lassen können, indem man die Fehler anerkennt, analysiert und auswertet.

Über Fehler zu reden ist alles andere als leicht.

Die folgenden drei Tipps, sollen Ihnen helfen, auch in Ihrem Unternehmen eine gelebte Fehlerkultur zu etablieren:

#01

Gestehen Sie sich Fehler offen ein und geben Sie diese auch gegenüber Ihren Mitarbeitern zu. Enttabuisieren Sie Fehler in Ihrem Unternehmen und motivieren Sie andere Mitarbeiter, dies ebenfalls zu tun.

#02

Nicht jeder Fehler ist mit einem anderen gleichzusetzen. Eine offene Fehlerkultur soll nicht mit Sorglosigkeit oder Nachlässigkeit einhergehen. Definieren Sie einen Umgang mit verschiedenen Arten von Fehlern.

#03

Schaffen Sie eine Plattform, die den Austausch über Fehler und die Erarbeitung von entsprechenden Maßnahmen ermöglicht. Nur so können das Fehlerpotenzial optimal genutzt und förderliche Ergebnisse erzielt werden. Achten Sie darauf, dass hierbei nicht einseitig berichtet wird: Diese Plattform wird erst dann wirklich wertvoll, wenn auch Mitarbeiter aus allen Hierarchien über ihre Fehler sprechen.

Entrüstetes Aufschreien aus der Menge reißt mich aus meinen Gedanken. Ein unpassender Kommentar aus dem Publikum hat offensichtlich für allgemeine Entrüstung gesorgt. Alles ruft durcheinander, der Moderator versucht, für Ordnung zu sorgen. Eine Fuckup-Night scheint wohl auch nicht vor Fuckups sicher zu sein.

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