Ein explain Artikel

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Inspirieren. Von und mit David Kadel.

David Kadel

Jenseits von Instagram, Klopsychologie und Abreißkalendern

Vor einiger Zeit durfte Mara Gerstner (Head of Concept bei dem Präsentationsunternehmen explain) live bei einem Vortrag von David Kadel dabei sein. Der Eindruck war bleibend. Ein witziger Typ, der kein Blatt vor den Mund nimmt. In einem Moment lacht man lauthals, im nächsten wird man plötzlich sehr nachdenklich. Ob das Interview eine ähnliche Tiefe erreichen sollte, darüber war sich Mara zu Beginn des Telefonats noch unklar. David hatte nur wenig Zeit. Eine halbe Stunde bis zu seinem nächsten Coaching. Und trotzdem ergab sich ein Interview, das mit Sicherheit auch viele weitere Seiten hätte füllen können. Von Fußball, Motivation, Influencern und dem Drang, etwas zu bewirken.

Lieber David, du nennst dich Inspiration-Coach. Wie bist du auf diesen Begriff gekommen?

Als ich in den 90er-Jahren die ersten Fußballer begleitet habe, war der Begriff „Coaching“ noch nicht geläufig. Das Wort „Mentor“ schon eher. Dirk Heinen, mein bester Freund, hat damals in Leverkusen Fußball gespielt. Er war Torhüter im Team von Christoph Daum. Und er hat schon damals gesagt: „Fußball wird im Kopf entschieden. Wir brauchen Motivation.“ Und je mehr ich mit Dirk zusammensaß, desto klarer wurde mir, dass die Jungs eine innere Stärke brauchen, die man im Fußball nicht lernt.

Ich war damals so etwas wie ein Mentor für die Jungs. Dirk hatte immer mehr Fußballer angeschleppt, die sich für dieses Thema „Motivation“ interessiert haben. Aber je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr habe ich bemerkt, dass es gar nicht um Motivation geht. Denn motiviert sind die Jungs alle. Aber es geht um Inspiration – sie brennen nicht. „Inspirare“ aus dem Lateinischen heißt „entfachen“ oder auch „einhauchen“, im Sinne von Leben einhauchen. Mit diesem „entfachen“ oder auch „anzünden“ konnte ich was anfangen. Motivation fand ich immer so oberflächlich. „Der Tag gehört dir.“ und „Du bist unbesiegbar!“.

Das ist wie ein Abreißkalender mit tollen Sprüchen – Klopsychologie. Aber das reicht nicht. Deswegen habe ich irgendwann beschlossen: Ich bin definitiv kein Motivationstrainer. Ich motiviere sie nicht. Ich versuche, sie zu inspirieren. Also Begeisterung in ihnen zu entfachen. Dass sie wieder „Feuer und Flamme“ für etwas sind. Das ist zwar viel schwieriger, aber es hinterlässt auch viel nachhaltigere Spuren – wenn es gelingt.

Motivation fand ich immer so oberflächlich. Das ist wie ein Abreißkalender mit tollen Sprüchen – Klopsychologie. Aber das reicht nicht.

Du begleitest aber nicht nur Fußballer, sondern hältst auch Vorträge vor Gefängnisinsassen. Wie kamst du auf die Idee?

Die Arbeit in den Gefängnissen gehört ein Stück weit zu meiner Philosophie. Ich versuche, den Jungs immer wieder klar zu machen, dass Werte mir helfen, mich zu definieren. Sie helfen herauszufinden, wer ich eigentlich sein will. Was ist mir heilig? Was macht mich stark? Aus diesem Grund habe ich irgendwann das 4D-Modell entwickelt – Demut, Dienen, Dankbarkeit und Disziplin. Demut ist ein starker Wert, wenn man ihn verstanden hat. Oder wenn man erkennt, dass es eigentlich ein Zeichen von Stärke ist, Menschen zu dienen. Unsere Gesellschaft hat das ein wenig verlernt. Auf Instagram wird eher Egoismus und Narzissmus gelehrt. Allein diese beiden Werte – Demut und Dienen – sind Anstoß dafür, auch ins Gefängnis zu gehen und etwas weiterzugeben. Denn es bringt ja nichts, wenn ich mir die Werte auf einen Zettel schreibe und an die Wand hänge. Dann habe ich es noch lange nicht mit Leben gefüllt.

Ins Gefängnis zu gehen, beispielsweise mit Davie Selke oder Heiko Herrlich, das ist einfach eine tolle innere Kur. Eine Therapie von dem, was die Gesellschaft mit uns macht. Hier geht es nicht um Anerkennung und Likes. Wir therapieren unseren Egoismus, indem wir in Gefängnisse gehen. Oder kranke Kinder mit Blutkrebs oder ähnlichen Diagnosen in der Klinik besuchen. Da spürt man das echte Leben. Das hilft den Fußballern auch, weil sie dann wieder mit einer anderen Einstellung zurückkommen – viel dankbarer und entspannter. Und die Menschen im Gefängnis werden inspiriert, weil sie jemanden erleben, der etwas zu erzählen hat. Vom eigenen Scheitern beispielsweise. Das macht anderen Mut und zeigt ihnen, dass sie nicht allein sind. Ich bin nicht der Einzige, der auch mal Scheiße baut. Und das bewirkt eine Menge. Es macht unglaublich glücklich, etwas zu bewirken.

Dann hast du ja Glück, dass dein Job im Grunde daraus besteht, etwas bei anderen Menschen zu bewirken.

Ja, das macht immens glücklich (David lacht zufrieden). Das macht vor allem Sinn. Ich bewundere aber vielmehr Menschen wie Altenpfleger, weil sie wirklich etwas bewirken. Und dafür bekommen sie noch nicht einmal ein ordentliches Gehalt. Das sind für mich die echten Stars im Leben. Jemand der 20 Jahre in der Pflege arbeitet für gerade mal 1.200 Euro im Monat. Das ist besonders. Da müssen sich viele anderen fragen: „Bewirke ich wirklich etwas in meinem Leben?“

Du als Inspirations-Coach möchtest etwas bewirken. Wo ziehst du da die Grenze zu Instagram, YouTube und Co. und dem, was man heute „Influencer“ nennt?

Also die Grenze ist für mich ganz klar damit gesetzt, was ich am Schluss bei dem Empfänger auslöse. Der Inspirator hat für mich ausschließlich Positives. Wenn ich Menschen für etwas begeistere, dann verbinde ich damit zu 100 % positive Assoziationen. Der Influencer kann beide Seiten – positiv wie negativ – beinhalten. Das Wort „Einflussnahme“ beispielsweise ist für mich auch negativ behaftet. Wenn man einen Blick auf die Geschichte wirft, war auch Adolf Hitler ein Influencer, der auf eine ganz beschissene Art Einfluss genommen hat. Oder heute Trump, der eine Mauer zu Mexiko bauen möchte, ist ja auch irgendwie ein Influencer. Aber inzwischen nennt sich ja auch ein 15-jähriges Mädchen Influencer, das auf Instagram 60.000 Follower hat. Die sich aber eigentlich nur die Nägel lackiert oder zeigt, wie man Smoothies mit Ingwer macht.

Andersherum betrachtet waren auch Gandhi oder Mandela Influencer. Oder Obama, um ein paar gute Namen zu nennen. Aber die erste Assoziation, die ich bei dem Wort habe, sind Jugendliche auf YouTube, die dann irgendwo mit den Stars über einen roten Teppich laufen und man denkt: „Wer ist das????“ Haben die tatsächlich etwas zu sagen, oder geht es nur darum, berühmt zu sein?

Und wenn man sie dann nach ihrer Botschaft fragt, geraten sie ins Stottern. Wenn es in Deutschland allen super ginge, alle total inspiriert und zufrieden und glücklich wären, dann würde ich jedem Internet-Influencer seine 2 Millionen Likes gönnen. Aber unsere Gesellschaft lechzt nach Inspiration und Orientierung.

Woher soll die Inspiration oder die Orientierung kommen?

Eigentlich bräuchten wir vielmehr wieder „echte Influencer“, also Vorbilder. Es ist schwierig, das mit den Influencern im Internet zu verbinden, weil es hier viel anonymer zugeht. Wahre Botschaften sind ja auch mit der Authentizität einer Person kombiniert. Mit einem Profil im Internet ist Authentizität schwer greifbar.

Aber wo man hinschaut, fallen die großen Leuchttürme aus meiner Jugend – Beckenbauer traut sich nicht mehr aus dem Haus, weil kein Mensch weiß, wo die WM Orga Millionen geblieben sind, Ulli Hoeneß war im Knast, VW hat betrogen. Ich hätte gerne wieder mehr von diesen echten Influencern, die im wahren Leben Vorbilder sind. Und die Frau von nebenan, die seit 20 Jahren in der Altenpflege arbeitet, die ist ein fantastisches Vorbild. Aber sie nimmt nicht viel Einfluss auf die Leute. Deswegen arbeite ich in meinen Projekten so gern mit Jürgen Klopp. Wenn man ihm zuhört, merkt man, dass er ein positiver Influencer ist. Er hat was zu erzählen, redet über Werte, die stark machen, er redet über seinen Glauben zu Gott. Ihm ist das nicht peinlich, weil es nun einmal das ist, was ihn stark macht.

Solche Leute sind wichtig. Wir wollen ja unserem Land helfen. Also auch den Jugendlichen, die desillusioniert durchs Leben gehen, nur noch kiffen und vor Videospielen abhängen. Oder Menschen, die in der Midlife-Crisis stecken, Burn-out haben, die einfach keinen tieferen Sinn in ihrem Leben finden.

Vor einem Bundesligaspiel steht man sicher wahnsinnig unter Druck. Wahrscheinlich ähnlich wie kurz vor einem Auftritt. Konntest du Tricks von Fußballern abschauen, die man vielleicht auch auf der Bühne anwenden kann?

Ja, es gibt durchaus Parallelen. Dieses Gefühl, dass man glänzen will, dass es ankommt, du performst. Da hat man einen gewissen Anspruch an sich selbst. Und so, wie ich sage, dass es ein toller Auftritt war, so freut sich der Fußballer über ein gutes Spiel. Aber da entsteht im Kopf auch immer eine Art Duell: Angst und Perfektion gegen Vorfreude und Dankbarkeit. Mein Schlüsselerlebnis hatte ich vor 15 Jahren. Ich wurde eingeladen, auf der Berliner Waldbühne ein fünfstündiges Musikfestival zu moderieren. 25.000 Zuschauer, richtig geile Bands – das war ein Traum! Ich war total geehrt, dass ich gefragt wurde. Aber je näher der Termin kam, desto mehr wurde aus Vorfreude Nervosität. Und wenige Wochen vorher schaue ich in den Kalender und denke: „Ey, Scheiße! Bald ist es soweit.“ Total der Druck. Ich fange an zu reflektieren – warum mach ich mir gerade in die Hosen? Ich habe mich doch mal drauf gefreut und es allen meinen Kumpels erzählt. Ich habe mächtig angegeben. Und jetzt stehe ich da und merke: Die Angst wird größer, die Euphorie ist weg. Warum habe ich so eine Ehrfurcht? Ganz einfach – ich hatte noch kein gutes Programm.

Ich hätte gerne wieder mehr von diesen echten Influencern, die im wahren Leben Vorbilder sind.

Ich habe das damals in 2-3 Stunden hingerotzt auf drei Seiten Papier. Das war in Ordnung, aber nicht richtig geil. Logisch hatte ich Angst. Das war mein größtes Learning: ohne Vorbereitung keine Freude. Wenn ich als Fußballer weiß, dass in zwei Stunden Anpfiff ist und ich die halbe Nacht Playstation gespielt habe, dann kommt das schlechte Gewissen, die Müdigkeit, die Reue. Und das ist nicht abwegig – viele Fußballprofis sind spielsüchtig.

Dann kommt das Spiel und natürlich bin ich dann nicht die beste Version von mir, sondern versaue es. Zurück zur Waldbühne. Ich habe noch mal zwei Tage wie ein Irrer am Programm geschuftet, habe 20 Versionen in den Müll geschmissen, weil nichts gut genug war. Erst auf dem 21. Zettel dachte ich, „Aaah! Da ist der rote Faden. Jetzt wird es geil!“ Ab dem Moment hat es wieder Freude gemacht. Weil ich Sicherheit über meine Performance hatte. La-Ola-Welle mit 25.000 Menschen, Liedchen zur Anmoderation singen und 50 andere coole Ideen. Sicherheit ist essenziell – egal, wo man auftritt. Und Sicherheit basiert nun einmal auf Vorbereitung, auf Fleiß. Ohne Fleiß keine Freude. Ich hatte in den fünf Stunden enorm viel Spaß auf der Waldbühne. Und das ist ein weiteres Erfolgsrezept. Zu lieben, was man tut. Und ich liebe es, Vorträge zu halten, zu moderieren, Kabarett zu machen – andere zu inspirieren.

Du hattest vorhin auch Demut als Teil deines 4D-Modells erwähnt. Kann Demut dabei helfen, Menschen aufrichtig zu inspirieren?

Absolut! Demut ist ja nicht unbedingt ein sehr geliebtes Wort. Mit Demut kann man heute nicht mehr begeistern. Aber die Gefahr, dass man Bodenhaftung verliert, wenn man Erfolg hat, ist immens. Wenn ich wahnsinnigen Applaus bekomme, schleicht sich unbewusst ein kleines bisschen Stolz in mein Herz und ich merke es gar nicht. Da hilft Demut und sich selbst zu hinterfragen.

Warum mache ich das hier? Will ich nur meinen Narzissmus befriedigen? Oder willst du Leuten dienen? Vor rund zehn Jahren habe ich diese Haltung für mich entdeckt. Und es hat sich wirklich sehr viel Grundsätzliches in meinem Leben geändert. Ich hatte keine Lust mehr auf den ehrgeizigen Karriere-David, den ich im Spiegel sah. Also habe ich angefangen, mich in eine andere Richtung zu entwickeln.

Was hat das für dich geändert?

Ich sehe mich mehr als Diener oder, moderner ausgedrückt, als Ermutiger für Menschen. Ich betrachte es als Geschenk, dass ich Vorträge halten darf. Wenn sich das jeder Redner bewusst machen würde ... Wenn sich beispielsweise jeder Pfarrer Sonntags um 9:00 Uhr bewusst machen würde, was es für ein Privileg und Geschenk ist, vor 500 Menschen zu sprechen, dann wären die Gottesdienste sicher weniger langweilig. Dann könnte ich nichts aus der Schublade ziehen, was ich schon 150 Mal gepredigt habe. Aber da schleicht sich einfach eine Routine ins Leben – egal, ob man Pfarrer ist, Coach, Trainer, Redner oder Politiker. Und ab irgendeinem Punkt passiert das alles wie auf Knopfdruck und kommt nicht mehr aus dem Herzen. Ich glaube, das ist so ein Problem bei uns in Deutschland. Überhaupt finde ich es sensationell, dass manche Pfarrer und Politiker eine Stunde reden können und doch nichts sagen. Und du gehst „leer“ und uninspiriert nach Hause! Aber mit Demut und Hinterfragen „Was habe ich denn wirklich aus dem Herzen zu sagen?“ geht man ganz anders an die Sache ran.

Wer hat dich inspiriert? Gibt es jemanden, der dich angeregt hat, die beste Version deiner selbst zu werden?

Gute Frage (lacht). Da gibt es einige Leute. Zum Beispiel die amerikanische Bestsellerautorin Joyce Meyer. Sie hat sich im frommen und frauenfeindlichen Amerika einen Namen gemacht. In einer Zeit, in der Frauen in der Kirche höchstens die Gesangsbücher austeilen durften. Und heute füllt sie Hallen mit 50.000 Menschen, weil sie ganz fantastisch über das Thema „Einstellung“ spricht. Sie war der Auslöser, über meine eigene Einstellung nachzudenken. Sie ist bis heute eine Inspiration für mich. Jeden Morgen lese ich ihre „Tägliche Andacht“ im Newsletter. Das sind vielleicht so 20 Zeilen präzise auf den Punkt. Da startet mein Tag vollkommen anders, als wenn ich beispielsweise das Frühstücksfernsehen einschalten würde. Als Christ inspiriert mich auch die Message von Jesus. Meine Mutter war Religionslehrerin, aber ich habe die Bibel trotzdem erst mit 23 Jahren durchgelesen.

Als junger Erwachsener habe ich dann entdeckt, was Jesus eigentlich sagt und lebt und für welche Werte er steht. Warum er der Schlüssel der Zeitgeschichte ist und wir bis heute, 2019 nach Christus, die Zeit nach ihm stellen. Das wusste ich vorher zwar alles oberflächlich, aber hatte es nicht mit dem „Herzen verstanden“. Unddas ist bis heute meine Kraftquelle.

Dank Formaten wie TEDx gibt es mittlerweile fast in jeder Stadt eine Bühne, um Inspiration zu teilen. Und auch andere Konferenzen, Slams und Open Stages ebnen den Weg für Menschen, die andere inspirieren wollen. Jetzt steht doch der Inspiration nichts mehr im Wege, oder?

Das kommt am Ende auf die Message an. Ist es tief genug, dass es Menschen im Herzen inspiriert und berührt und am Ende etwas Veränderndes bewirkt im Sinne von „mehr Freude und mehr Leichtigkeit im Leben?“. Nur dann macht TEDx für mich auch Sinn, denn du kannst die schönsten Speaker Events organisieren und am Ende feiern sich die „Keynote-Fritzen“ doch nur selbst und der Funke springt leider nicht über, weil alles an der Oberfläche bleibt und die Kunst nur ihrem Selbstzweck dient. Dazu gibt es leider Millionen, die noch nie etwas von diesen ganzen Formaten gehört haben. Und wir müssen ja auch die erreichen, die einen anderen Kontext haben.

Die den ganzen Tag an ihrem Handy sitzen oder RTL II schauen. Ich bin ein Idealist und Träumer, der etwas bewirken möchte in Sachen „Freude bringen“. Ich sehe auch, dass sich viel Gutes tut. Unsere Aufgabe ist es, dass wir inspirierende Botschaften auch einer größeren Menschenmenge zugänglich machen. Und das ist eine sehr schöne, aber auch herausfordernde Aufgabe. Menschen „wach zu küssen“ für das echte Leben.

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