Ein explain Artikel

arrow

Start-up-Spirit

Hat die klassische Kommunikation noch Bestand?

Bereits in der Schulzeit entwickelte ich ein großes Interesse an den Themen Präsentation und Kommunikation. Zu diesem Zeitpunkt war mir allerdings noch nicht klar, welche zentrale Rolle diese Themen im Unternehmenskontext einnehmen und dass sie im Zuge der Digitalisierung noch viel wichtiger werden würden.

Denn Kommunikation ist das zentrale Bindeglied zwischen Unternehmen und Kunden, und sie beeinflusst die Markenwahrnehmung und letztlich die Kaufentscheidung der Kunden.

Ich möchte Ihnen einen kleinen Einblick geben, wie mich diese Themen auf meinem Karriereweg und in den verschiedenen Phasen meiner gegründeten Unternehmen begleitet haben und wie ich sie unternehmerisch gewinnbringend einsetzen konnte.

Eine der ersten Präsentationen, die mich beruflich weiterbringen sollte, war die Abschlusspräsentation eines Seminars im Rahmen meines Studiums zum Wirtschaftsingenieur am KIT. Es ging darum, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und anschaulich zu präsentieren. Im Rahmen der Abschlusspräsentation waren auch Vertreter aus der Wirtschaft anwesend. Der anschließende Austausch und weitere intensive Gespräche führten dazu, dass ich mein Praktikum im Unternehmernetzwerk CyberForum im Bereich Unternehmensentwicklung absolvierte und auch als Werkstudent weitere Erfahrungen sammeln durfte. Die Unterstützung angehender Gründer durch Mentoring oder Coaching und deren Vernetzung mit passenden Investoren gaben mir vielseitige Einblicke. Mir wurde bewusst, wie wichtig eine gute Unternehmenspräsentation für ein Unternehmen in dieser Phase ist.

Gerade bei Gründerteams mit einem technischen Hintergrund kam es relativ häufig vor, dass die Gründer trotz eines innovativen Produkts Probleme hatten, den Mehrwert klar und deutlich zu kommunizieren. Es wurden viele Fachbegriffe benutzt und es war teilweise schwer, den Worten zu folgen und so kam es in diesen Fällen selten zu einer Finanzierung. Mir wurde klar, dass das beste Produkt nichts nützt, wenn nicht mal Investoren, geschweige denn Partner oder Kunden vom Mehrwert überzeugt werden können. Es geht nicht darum, seine Expertise durch möglichst viele Fachbegriffe und komplexe Kommunikation zu verdeutlichen.

Die Kunst besteht darin, trotz fundierten Fachwissens, komplexe Zusammenhänge oder Produkte in einfachen Worten zu erklären – sodass sie selbst kleine Kinder verstehen können.

Im Rahmen der Organisation des CyberChampion Awards konnte ich aus den angebotenen Pitch-Trainings viele gute Inhalte mitnehmen und später bei der Gründung des Geschäftsideen-Wettbewerbs GROW der Hochschulgruppe PionierGarage einbringen. Ziel dieses studentischen Wettbewerbs war und ist es, innerhalb von elf Wochen eine Geschäftsidee zu validieren und die ersten Schritte im Markt zu gehen.

Neben wertvollem Feedback von Mentoren und Investoren ist dieser Rahmen auch eine sehr gute Möglichkeit, um passende Teamkollegen zu finden. Und so fand sich auch unser Gründungsteam der Campusjäger GmbH. Wir entwickelten eine automatisierte Personalvermittlung für Studenten und Absolventen.

Bereits während des Wettbewerbs konnten wir erste Kunden und letztlich auch den Wettbewerb gewinnen. Auch in zahlreichen weiteren Wettbewerben konnten wir uns behaupten und wurden schließlich als eines der schnellst wachsenden Start-ups Deutschlands ausgezeichnet. Doch es waren nicht die Präsentationen bei Wettbewerben, die unseren Erfolg ausmachten, sondern der starke Fokus auf eine schnelle und zielgerichtete Execution unserer Geschäftsidee.

Es ist wichtig, die Kommunikationsstrategie an die jeweilige Unternehmensphase anzupassen.

Für uns war es also ein guter Schritt, den Fokus der Kommunikation weg von Wettbewerben und Preisen hin zur Akquise neuer Kunden und Mitarbeiter zu richten. Gerade am Anfang erfährt man als studentisches Gründungsteam viel Gegenwind und Skepsis. Doch wir konnten uns unseren studentischen Hintergrund sogar zunutze machen. Die Kunden waren schnell von unserem Marktplatz zur Vermittlung studentischer Mitarbeiter und Berufseinsteiger überzeugt. Denn wir waren selbst so nah an der Zielgruppe, dass wir genau wussten, wie man am besten mit ihr kommuniziert.

Für eine gute Kommunikation ist es wichtig, von wem sie ausgeht.

So gaben uns auch zahlreiche Kundentestimonials und studentische Bewertungen den nötigen Aufwind, um uns am Markt zu behaupten.

Mit einem stetig wachsenden Kundenstamm wuchsen auch die Herausforderungen, die sich in der Zusammenarbeit mit Kunden ergeben. Und oft war es so, dass die Kunden, die den meisten Kommunikationsaufwand erforderten, auch diejenigen mit dem geringsten Umsatz waren. In Fällen, in denen wir auch mit guter Kommunikation und viel Geduld nicht weiterkamen, hat sich für uns die Methode des Schneidens und Wachsens bewährt.

Manchmal muss man sich von einem (unter Umständen großen) Kunden trennen, um durch die freigewordenen Kapazitäten schneller wachsen zu können.

Campusjäger war für mich ein spannendes erstes Start-up und ich konnte vieles lernen und mich auch persönlich weiterentwickeln. Trotzdem beschloss ich nach fast fünf Jahren weiterzuziehen, um eine neue Herausforderung anzugehen und entschied mich, ein neues Unternehmen in der Kletterbranche aufzubauen. Ich machte mir viele Gedanken über die beste Vorgehensweise eines Neustarts in einem neuen Markt. Ich entschied mich dazu, zuerst eine Kletter-Community über einen Instagram Channel aufzubauen, um den Markt besser kennenzulernen. Über zahlreiche Chats, Umfragen, Beiträge, Give-aways und Kooperationen sammelte ich viele Erfahrungen und konnte so eine Community von mittlerweile über 65.000 Followern aufbauen. Das konnte nur gelingen, da ich als Kletterer sehr genau wusste, was die Zielgruppe will. Und durch einen regelmäßigen Austausch konnte ich die Kommunikation stetig verbessern. Diese Grundlage trug maßgeblich dazu bei, dass der Launch meines ersten eigenen Produkts – ein innovativer Schlüsselhalter für Kletterer – zu einem Erfolg wurde und bereits kurz nach Start in 27 Länder weltweit verkauft wurde.

Gerade in den sozialen Medien gibt es unzählige Accounts, die über Hacks und Bots versuchen, große Accounts in Nischen aufzubauen, um das schnelle Geld zu machen. Aber die Nutzer werden immer sensibler und durchschauen nicht authentische Kommunikation mittlerweile sehr schnell.


Wer authentisch und ehrlich kommuniziert und dabei den Mehrwert für die Zielgruppe vor die eigenen Interessen stellt, hat eine Chance, eine treue Community aus Promotern aufzubauen.

Das merkte ich auch, als eines meiner Produktvideos ohne meine Kenntnis und ohne Verlinkung zu meinem Account auf einem anderen Channel veröffentlicht wurde. In den Kommentaren wurde oft gefragt, wo man denn die Schlüsselhalter kaufen konnte. Als ich auf den Beitrag aufmerksam wurde, hatten bereits einige Nutzer auf die Anfragen reagiert und auf meinen Account verwiesen.

Gutes Branding ist, wenn Unbekannte, ohne einen Mehrwert davon zu haben, öffentlich zu einer Marke stehen und sich für sie einsetzen.

Dabei ist es ein Irrglaube, dass gutes Branding durch perfekt inszenierte Werbedrehs und eine bis ins Kleinste abgestimmte Kommunikation erreicht wird. Gerade die Prozesse hinter den Kulissen, die unperfekten Momente und die Menschen in den Unternehmen machen Marken heutzutage interessant.

Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich diese Themen im Zuge der Digitalisierung weiterentwickeln und welche Unternehmen es schaffen werden, sich durch zeitgemäße Kommunikation im Markt zu halten. Wäre es hilfreich gewesen, schon zu Schulzeiten die Relevanz von Präsentation und Kommunikation im unternehmerischen Kontext zu verstehen? Ja, bestimmt! Aber das, was ich in den letzten Jahren gelernt habe, kann man in der Schule sowieso nicht lehren. Das lernt man nur durch Start-up-Spirit.

Matthias Geis

WELCOME TO