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The Power of Public Speaking.

Freude und Angst

Es ist Ende Juni im Jahr 2000 und ich halte endlich mein Abiturzeugnis in der Hand. Rückblickend gehen mir aus den letzten 13 Jahren Schulzeit überwiegend schöne Erinnerungen durch den Kopf. Viel gelernt, viel gefeiert, viel Spaß gehabt. Aber nicht immer. Neben dem Spaß gab es einige Momente, vor denen ich richtig Angst hatte. Angst davor, vor der Klasse Referate oder Präsentationen zu halten.

Das klingt für viele Menschen absurd – vor allem für diejenigen, die mich kennen. Aber genauso war es. Ich war froh, als ich endlich 18 Jahre alt war und mir in der Oberstufe die Entschuldigungen selbst schreiben konnte, wenn ich nicht zu einem Referat kommen konnte – oder besser gesagt: wollte. Selten waren es Fieber oder eine Erkältung, sondern meist die Angst vor dem Reden vor der Klasse.

Im Studium habe ich dann möglichst immer als letzter präsentiert, in der Hoffnung, dass bis dahin noch etwas passiert. Sei es ein Feueralarm, das Kollabieren des Profs oder irgendein ähnlicher Zwischenfall. Ich habe in einigen Vorlesungen so häufig gefehlt, bis es nicht mehr ging und ich die Wahl hatte zwischen präsentieren oder nicht bestehen.

Mein erster Job war anschließend im Marketing einer Hochschule. Ich war verantwortlich für den Messebereich und durfte diesen neu aufbauen. Das führte mich regelmäßig auf Bildungsmessen, bei denen ich vor vielen fremden Menschen auf die Bühne musste und Vorträge halten sollte. Das hatte mir bei der Einstellung niemand gesagt. Hätte ich das damals gewusst, dann hätte ich den Job wahrscheinlich nicht angenommen. Ich hatte vor jeder Präsentation Schweißausbrüche, Bauchschmerzen und eben Angst.

So betrachtet habe ich ein paar Jahre später eine komplett irrationale Entscheidung getroffen. Ich habe mich bei der führenden Agentur für Präsentationen in Deutschland beworben. Heute stehe ich regelmäßig vor mehreren Hundert Menschen auf der Bühne, verdiene mit dem Thema Geld und zeige anderen Menschen wie sie mit Präsentationen Menschen bewegen können. Hätte mir das jemand vor 20 Jahren – beispielsweise nach einem Referat in meiner Schulzeit – vorausgesagt, hätte ich ihn ausgelacht. Wenn ich das damals überhaupt noch nervlich geschafft hätte …

Angst ist ein Grund, aber kein Hindernis.

Die größte Angst der Menschen

Heute kann ich meine Angst vor Präsentationen anders betrachten. Genau genommen ist Angst nur ein Gefühl. Auch wenn die Angst das Präsentieren schwieriger macht, muss man sich nicht davon abhalten lassen. Dieses Lampenfieber lässt sich relativ gut in den Griff kriegen, da es ein ganz normaler Prozess im Körper ist. Dazu muss man es nur verstehen.

In lebensbedrohlichen Situationen – und das ist eine Präsentation tatsächlich für viele Menschen – werden im Körper verstärkt Stresshormone ausgeschüttet. Die Folgen sind beispielsweise ein beschleunigter Herzschlag, massenhaft Adrenalinausschüttung, steigender Blutdruck oder maximale Muskelanspannung. Unsere Fähigkeit, komplex zu denken, fällt komplett aus. Das alles ist ein uralter Schutzmechanismus des Menschen. Wenn Gefahr lauert, können wir durch diese Reaktion besser flüchten oder angreifen.

Beides ist auf der Bühne nicht möglich. Wir können dort weder angreifen noch wegrennen. Daher kommt es häufig zu einer Blockade oder besser gesagt dem berühmten Blackout.

Ich weiß heute, dass ich kein Einzelfall war. Öffentliches Reden ist vieler Studien zufolge die unangefochtene Nummer 1 der größten Ängste der Menschen. Präsentationsangst ist also völlig normal und hat nichts mit unserer tatsächlichen Präsentationsfähigkeit zu tun.

Ein Beispiel? John F. Kennedy ist als überzeugender Redner in die Geschichte eingegangen und für viele Menschen ein Vorbild als Sprecher. Er hat mit einer Rede 1962 den Startschuss für die erste erfolgreiche bemannte Mondfahrt gegeben und ein ganzes Land für sich gewonnen. Was viele aber nicht wissen ist, dass er beim Reden so nervös war, dass die Leute, die hinter ihm auf dem Podium saßen, seine Beine zittern sehen konnten.

Es gibt keinen geborenen Sprecher

Es gibt viele weitere prominente Beispiele, die unter Beweis stellen, dass man nicht als Sprecher geboren wird. Martin Luther King etwa hat sein Rhetorik-Seminar im College nur mit einer durchschnittlichen Note abgeschlossen. Aber auch er hat wie JFK die jüngere Geschichte in den USA maßgeblich durch seine öffentlichen Reden beeinflusst. Oder König George VI. von England, dessen Geschichte im Kinofilm „The King’s Speech“ nacherzählt wurde. Er war garantiert kein geborener Redner. Er war Stotterer. Trotz seines schweren Stotterns gelang es ihm aber, die ganze Nation für den bevorstehenden Krieg zu motivieren. Einerseits, weil seine Motivation hoch genug war – andererseits, weil ihm auch gezeigt wurde, wie es geht.

Ich bin davon überzeugt, dass das auch einer der Gründe ist, warum so wenige Menschen gerne öffentlich Reden. In unserem Schulsystem – oder zumindest zu meiner Schulzeit – war das nie ein zentraler Bestandteil der Ausbildung. Und auch im Studium war es Glück, wenn man gezeigt bekam, wie eine gute Rede oder Präsentation abliefert wird.

Aus diesem Grund versuche ich, auch jungen Menschen zu vermitteln, was mir früher niemand gezeigt hat. Ich gehe mittlerweile regelmäßig in Schulen, um den Schülern durch die Kompetenz des Präsentierens neue Türen zu öffnen. Was jeder lernt:

Die beste Idee ist nichts wert, wenn sie nicht richtig präsentiert werden kann. Die Welt kann sich nur ändern, wenn Menschen ihre Ideen und Visionen richtig erklären und präsentieren können.

Change the World

Martin Luther King hat mit seiner Rede beim Marsch auf Washington die Welt verändert. Oder auch John F. Kennedy im Texas Stadium, als er die ganze Nation mit dem Ziel begeisterte, die ersten Menschen auf dem Mond zu sein. Oder Steve Jobs bei seiner Abschlussrede vor Absolventen der Stanford University.

Diese Beispiele sind bereits ein paar Jahre her. Wir gewöhnen uns durch die digitalen Kommunikationsformen in der Gesellschaft immer mehr ab, miteinander und vor allem vor anderen Menschen zu sprechen. Dabei ist es nur durch den persönlichen Kontakt möglich, etwas zu bewegen oder zu ändern. Oder hätte es Martin Luther King mit einem Tweet „I have a dream“ geschafft? Oder JFK, wenn er ein PDF seiner Vision im Downloadbereich des Weißen Hauses abgelegt hätte? Oder Steve Jobs mit dem Post „Stay hungry, stay foolish!“ in der WhatsApp-Gruppe der Absolventen? Niemals.

Gerade weil unsere heutige Zeit durch digitale Medien geprägt wird und zunehmend unpersönlicher wird, kann durch öffentliche Reden ein Unterschied gemacht werden. Und wer einen Unterschied macht und anders ist, dem hört man zu. Wem zugehört wird, der inspiriert Menschen. Und das ist die Voraussetzung, um die Welt zu verändern. Diese Erfahrung habe ich im Kleinen damals auch für mich gemacht. Ich habe irgendwann bemerkt, wie die Menschen auf den Bildungsmessen im Publikum mir zuhörten und dass ich ihnen durch meine Präsentation etwas mitgeben konnte. Ich habe gemerkt, dass selbst bei so banalen Themen wie der Vorstellung einer Hochschule manche Menschen inspiriert wurden und eine neue Möglichkeit gefunden haben, wie sie ihren nächsten Lebensabschnitt gestalten möchten. Ich habe damals unbewusst die Welt, wenn auch nur ganz gering, geändert. Darum habe ich mich anschließend immer wieder auf die Bühne gestellt. Trotz meiner Angst. Und aus dieser Angst ist über die Jahre sogar eine Leidenschaft geworden.

Jeder kann es

Jeder von uns ist genau betrachtet ein geborener Redner. Jeder von uns kann es. Jeder hat etwas zu sagen. Jeder hat eine Geschichte. Jeder kann andere auf irgendeine Art und Weise inspirieren. Das Schöne ist, dass Reden ein Handwerk ist und erlernbar. Und die digitale Gesellschaft macht es uns gerade ziemlich einfach, da wir mit persönlicher Kommunikation herausstechen können aus der digitalen Masse. Vorhang auf!

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